64 Anton Skrabal: Erinnerungen an Rudolf Wegscheider.
chend der Beschreibung, die Billroth von den Österreichern gegeben hat, mit allen Fasern meines Herzens an unserer engeren Heimat. Sie haben in mir das Bewußtsein gestärkt, daß ich für unser Volk und unsere engere Heimat immerhin einiges geleistet habe, und dafür danke ich Ihnen herzlich.“
Bei dieser Feier wurde mir, wohl als dem „präsumtiven Thronfolger“, die Ehre zuteil, die Festrede halten zu dürfen. In der Tat war der alsbald erfolgte Vorschlag auf meine Ernennung zugespitzt, mit ihr waren alle maßgebenden Stellen, Wegscheider selbst, mein nächster Fachkollege Späth, die philosophische Fakultät und das Ministerium, dieses nicht zuletzt darum, weil ich gleich Wegscheider zu den anspruchslosen Gelehrten zählte, einverstanden. Die Verhandlungen zerschlugen sich aber, ich blieb in Graz, welche Stadt zu meiner zweiten Heimat geworden war, und die Fakultät mußte einen neuen Vorschlag machen..
Erst vor kurzem erfuhr ich, daß mir Wegscheider dies übel genommen hat. Ich habe daher das Bedürfnis, mich vor den Manen Wegscheiders zu recht- fertigen. Die Nachfolgeschaft Wegscheiders erstreckte sich auf Lehre und Forschung. Letztere hielt ich für wichtiger, und für sie war Graz der geeignetere Ort als die Großstadt mit ihren unvermeidlichen Ablenkungen. Mit dem Datum vom 4. März 1930 schrieb mir Wegscheider: „Sie haben in Ihrer Festrede bei meinem 70sten Geburtstag gesagt, daß meine kinetischen Arbeiten noch nicht ausgeschöpft seien. Sie können sich denken, daß es mich sehr gefreut hat, daß Sie insbesondere durch ihre schöne Arbeit über die Theorie der periodischen Reaktionsgeschwindigkeiten gezeigt haben, daß dies richtig ist. Ich glaube, daß Sie die Frage der periodischen Reaktionsgeschwindigkeiten vollständig erledigt haben.“ Nach dem Ableben Wegscheiders erschienen im Anschluß an seine Arbeiten über Simultanreaktionen aus meiner Feder noch viele weitere Veröffentlichungen über diesen Gegenstand. Sie führten zu dem Begriff der „unabhängigen Reaktionen“, der „Mehraktreaktionen“ und u. a. auch zur Deutung und Abgrenzung des BoDENSTEiNschen Rechenverfahrens. Darüber hinaus ergaben sie eine exakte Definition der „unabhängigen Bestandteile der Phasenlehre“, eines Begriffes, mit dem sich Wegscheider durch viele -Jahre in 14 Abhandlungen befaßt hat, ohne zu einem allseits befriedigenden, abschließenden Ergebnis zu gelangen.
Damit halte ich aber die Arbeiten Wegscheiders noch lange nicht für ausgeschöpft:
„Wer suchen will im wilden Tann,
Manch Waffenstück noch finden kann,
Ist mir zu viel gewesen.“
Mit dem Maßstabe der Meistersinger gemessen, war uns Rudolf Wegscheider zugleich Merker und Hans Sachs, und nicht wenige Stolzing hat er zutage gefördert.