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Erich Kurzel-Runtscheiner
der breiten Öffentlichkeit Dargelegte war aus dem reichen Erfahrungsschatz geschöpft, den Wertheim ibei seiner industriellen Tätigkeit hatte sammeln können.
Durch diese Veröffentlichung förderte Wertheim nicht nur die weitere Entwicklung seiner eigenen Betriebe, sondern auch die des gesamten Gewerbes in allen deutsch sprechenden Ländern und den technischen Unterricht. Denn Wertheims Werkzeugkunde fand bald allgemeine Verbreitung an den damals in rascher Entwicklung begriffenen Schulen technischer Richtung. In Anerkennung der wertvollen und selbstlosen Verdienste, die W t ertheim dadurch dem Gewerbestand geleistet hatte, wurde ihm nach der Veröffentlichung
dieses Werks vom Niederösterreichischen Gewerbeverein, dem er seit 1844 als Mitglied angehörte, die goldene Medaille verliehen.
Am 13. März des Jahres 1869 wurde in Wertheims Werkstätten die 20.000ste Kasse fertiggestellt. Wertheim nahm dies zum Anlaß, ein großartiges Fest in den Sälen der Wiener Gartenbaugesell- schaft zu veranstalten. An diesen nahmen neben den Arbeitern des Wert- HEiMschen Betriebes, die er vollzählig eingeladen hatte, neben der besten bürgerlichen Gesellschaft Wiens und neben zahlreichen Künstlern auch die Spitzen der österreichischen und der ungarischen Aristokratie teil. Josef Strauss hatte aus diesem Anlaß die bekannte Polka „Feuerfest“ (Bild 6) komponiert, die auf Wertheims Fest unter der persönlichen Leitung des Komponisten zum ersten Mal zur Aufführung kam. Das Fest dauerte bis zum frühen Morgen: In den herrlieh geschmückten oberen Sälen tanzte und unterhielt sich die vornehme Gesellschaft. In den Räumen darunter feierten die Arbeiter das Fest ihres Brotherrn, als dessen Gäste sie Alle — Reich und Arm — erschienen waren.
Prunkhaft, wie die Zeit es verlangte, in der Wertheim lebte, war seine , Lebenshaltung und sein Auftreten. Im Wien jener Tage, in dem Hans Makart den Ton angab, durfte und mußte sich „in Szene setzen“, wer etwas bedeuten wollte. Dieser Richtung paßte sich Wertheim mit bemerkenswerter Vollendung, ja manchmal sogar mit Übertreibung an. Sein Auftreten, seine Equipagen, ein Palais (Bild 7), das einer der berühmtesten Architekten des damaligen Wien Heinrich Freiherr von Ferstel an einem der vornehmsten Plätze des eben entstehenden Ringstraßengürtels, am Schwarzenbergplatz 1863 errichtete, das alles diente dazu, um seiner Person Geltung zu verschaffen und war zugleich Reklame für Wertheims Erzeugnisse. Da der Mann, der sich in
Bild 6. Polka „Feuerfest“, komponiert von Josef Strauß anläßlich der Fertigstellung der 20.000sten Wertheim-Kasse.
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