Heft 
1949: Elftes Heft
Entstehung
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Erich Kürzel-Runtscheiner: Technikgeschichtliche Bücherschau.

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ungers Buch umfaßt drei Teile: jenen, der die gemachten Feststellungen am Bau und an den Steinplastiken des Stephamsdomas umfaßt, den Gesteinswechsel in der Architektur beschreibt, jenen, der die durch natürliche Ursachen sowie auch die gewaltsam entstandenen Verwitterungserscheinungen nachweist, und endlich jenen, der von den Brandschäden spricht, die im Laufe der Jahrhunderte und ins­besondere 1945 entstanden sind. Zahlreiche und wertvolle Aufschlüsse vermit­telnde Abbildungen begleiten den Text. Am eindruckvollsten unter diesen ist für den Laien neben den 240 abgebildeten Steinmebzizeichen jene, die den Steinschnitt der Pilgramkanzel zeigt; geht doch aus dieser hervor, daß der vielgestaltige und in seinem obersten Drittel von einem Rankendickicht umhüllte Unterbau vom Meister Pilgram aus nur drei Steinblöcken gesohaffen wurde und daß auch für jede der vier Nischen mit ihren Bildnisbüsten und tief unterhöhlten Baldachinen mit Ausnahme der Kopfbedeckungen, die gesondert gemeißelt und den Kirchen­vätern aufgesetzt wurden, nur je ein Block verwendet wurde. Jedenfalls wird Kieslingers als Standardwerk zu wertendes Buch nicht nur für den Baufaeh- mann und Bauforscher, sondern für alle an der Geschichte Wiens Interessierten als ein Viennense allerersten Ranges bleibenden Wert behalten, sprechen doch zu Kieslinger die Steine unserer Baudenkmäler und unserer gemeißelten Bildwerke!

Das zweite ist die vom o. ö. Universitätsprofessor Dr. Karl Oettinger ver­faßte geistreiche und von gründlicher Sachkenntnis getragene ArbeitDas Tauf­werk von St. Stephan in Wien. 3 Es ist ein Vergnügen für den kunstgeschicht­lichen Fachmann und für jeden auf diesem Gebiet auch bloß Interessierten, dieses vortrefflich ausgestattete Buch durcbzustudieren. Dessen Text wird, namentlich dort geradezu dramatisch, wo geschildert wird, wie der Verfasser allmählich zu den Erkenntnissen gelangt, die sodann zu der auch vom Direktor des Kunst­historischen Museums in Wien Dr. Erich V. Strohmer 4 als dem ursprünglichen Aufbau entsprechend anerkannten Wiederherstellung führten. Nun sind der nach Oettingers Plänen vom Restaurator Alois Schimann nach Aufdeckung der ur­sprünglichen Fassung in alter Weise zusammengestellte holzgeschnitzte Tauf­deckel, der ans dem Schalldeckel der Pilgramkanzel zur Taufsteinkrone von einst geworden ist, und das aus rötlich gesprenkeltem Adneter Marmor gehauene Taufbecken wiederum vereint und zum Taufwerk von St. Stephan geworden. Dieses steht nun als ein vortreffliches Werk spätimittelalterlicher Plastik für jedermann erkennbar an einem Platz, den es schon einmal eingenommen hat, nämlich in der Katharinenlkapelle unserer altehrwürd'igen Metropolitankirche. Ein am untersten Ring des großartig konzipierten Schnitzwerkes angebrachter Buchstabe (V = U) wurde von Oettinger, wie Strohmer feststellt, richtig als Signatur gedeutet. Sie weist aufUlreich Auer izu Salozpurg als Künstler der Taufkrone hin, wie Oettinger aus den im Brünner Archiv erhaltenen Kirchenmeisterrechnungen von St. Stephan des Jahres 1476 glaublich nachweist, in denen die Gesambbestel- lung des Taufbeckens verzeichnet ist. Dieses Jahr und die diesem folgenden sind

3 Karl Oettinger,Das Taufwerk von St. Stephan in Wien, mit 74 Abbildungen nach photographischen Aufnahmen von Dr. Eva Kraft. Berglantdverlag, Wien 1949.

4 Erich V. Strohmer,Der Streit um den Schalldeckel von St. Stephan, inDie österreichische Furche (Die Warte), Nr. 38 vom 17. September 1949.