Löhner — vom Wagnergewerbe zur Großindustrie.
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ihn zunächst zu einem mehrjährigen Aufenthalt in südlicheren Ländern, der zu einer vollständigen Wiederherstellung seiner Gesundheit führte. In den Jahren 1884 und 1885 war er in verwandten ausländischen Betrieben in Frankreich, England und den Vereinigten Staaten von Amerika, und zwar bei „Kellner et ses fils, Baris“, „Mulliuer, London“ und „Brewster & Co., New York“, tätig, wodurch'ihm nicht nur Gelegenheit gegeben war, geschäftliche und arbeitstechnische Erfahrungen zu sammeln, sondern auch fremde Sprachen zu erlernen. 1887 nach Wien zurückgekehrt, arbeitete er im väterlichen Betrieb und unterstützte den leidend gewordenen Vater in dessen Leitung. Als Ludwig Löhner die Nachfolge des Vaters antrat, war die Dige des Unternehmens keine günstige. Es war ein Großunternehmen geworden, führend in seinem Fach nicht nur in Österreich, sondern neben England in der Welt. Nach allen Ländern Europas und den meisten Überseestaaten exportierend, hatte es geholfen, die Zahlungsbilanz des eigenen Landes zu verbessern und so die Förderung gerechtfertigt, die es bei seiner Gründung erfahren hatte. Schon aber in den letzten Jahren hatte die protektionistische Handelspolitik der Monarchie die Balkanländer, Rußland und die Länder des Nahen Ostens veranlaßt, auch ihrerseits Zollschranken zu errichten, die zusammen mit den drastischen Einfuhrbeschränkungen der Vereinigten Staaten (MacKinley Bill) und Niederländisch Indiens, das zu den besten Kunden Löhners gehört hatte, einen starken Rückgang, vereinzelt sogar ein Abreißen des Exports verursachte. Dieser hatte bis dahin mehr als die Hälfte des laufenden Absatzes ausgemacht, während der verbleibende Teil, der Inlandabsatz, nun durch den allmählich immer mehr auftauchenden Kraftwagen bedroht war. Die Bestimmung dieses neuen Verkehrsmittels, den Pferdewagen als hauptsächliches Straßenfahrzeug zu ersetzen, irat immer klarer in Erscheinung. Das Unternehmen verfügte wohl noch über reichliche Mittel, aber über keine ausreichende Beschäftigung mehr. Diese zu beschaffen, ohne die Ursprungsbestimmung des Betriebes aufzugeben, war die Sorge Ludwig Löhners. Die raschen Fortschritte im Kraftwagenbau, dem laufende Berichte der Tages- und Fachzeitungen gewidmet waren, fanden, wie alle technischen Neuerungen, das größte Interesse Löhners und ließen in ihm den Entschluß reifen, den Konkurrenten seines bisherigen Erzeugnisses, den Kraftwagen in sein Erzeugungsprogramm aufzunehmen. So fuhr er anfangs Juni 1896 nach Cannstatt, um Gottlieb Daimler und dessen vielgepriesenen und erfolgreichen Kraftwagen kennenzulernen. Die erste Fahrt mit Gottlieb Daimler bestärkte ihn in dem einmal gefaßten Entschluß der Aufnahme des Kraftwagenbaues. Sofort trachtete er, von Daimler für dessen Motoren einen Lizenz- oder wenigstens Vertretungsvertag zu erhalten, aber ohne Erfolg. Daimler war in Österreich bereits gebunden und Löhner wollte von der Aufnahme eines seiner Familie nicht Angehörenden — des Vertragspartners Daimlers — in seine Firma nichts wissen. Paul Siebertz 1 sagt darüber: „So scheiterte der Versuch einer
1 Eine aufschlußreiche Darstellung (1er Mühen Diesels um den Fahrzeugmotor und der Rolle, die Ludwig Löhner dabei einnahm, ist in einer in diesem Hefte, S. 15, enthaltenen Abhandlung des technischen Schriftstellers und Biographen Paul Siebertz, betitelt: „Rudolf Diesel und der Automobilmotor“ wiedergegeben. Paul Siebertz ergänzt mit dieser Studie seine bereits in mehrfachen Auflagen vorliegenden Biographien „Gottlieh