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Erich Kurzel-Runtscheiner
schaft aus ihrer Mitte gewählte Geschworene. Die Bergbeamten und die Knappen Tirols und unter diesen auch jene von Kitzbühel, hatten sich schon im fünfzehnten Jahrhundert durch ihre Tüchtigkeit Weltruf erworben. Neben ihren bergmännischen Kenntnissen waren es auch jene als Kriegsleute (als Artilleristen und als Mineure), die sie bekannt gemacht hatten 5 - 8 . Wie alle Tiroler Bergknappen waren auch jene aus dem Kitzbüheler Berggericht biedere, wenn auch rauhe Gesellen, tüchtig bei der Arbeit, aber auch lebensfroh, dem Gesang, Saitenspiel und den theatralischen Vorstellungen keineswegs abgeneigt. Mit herrischem Auftreten richtete niemand bei den Tiroler Knappen etwas aus. Religion war ihnen eine tiefernste Sache. Viele wandten sich der neuen Lehre zu und verließen lieber Arbeitsstätte und Heimat, als diese aufzugeben. Diese Zuneigung zum Luthertum bedeutete damals aber nicht bloß eine religiöse, sondern auch eine soziale Stellungnahme. Mit dieser Gottesfurcht vertrugen sich aber ihrer Ansicht nach recht gut Kalten- und Würfelspiel sowie langes Sitzen im Wirtshaus. Von Kind auf an harte Arbeit gewohnt, fingen die meisten Knappen schon mit zehn bis zwölf Jahren als Säuberjungen an, arbeiteten sich als Truhenläufer zum Häuer und Hutmann empor und manche erreichten auch höhere Stellen unter den Bergbaubeamten 5 - 8 . Viele Praktiker der Vergangenheit von großem Wirkungskreis waren in ihrer Jugend einfache Tiroler Bergleute gewesen. Unter diesen ragt besonders Hans von Gasteiger (1499—1577) hervor, der als Flußbaunieister an der Donau und an der Enns Bedeutsames leistete 19 .
Im Bergwerk arbeiteten die Knappen mit ihrem „Gezäh“ entweder als „Herrenhäuer“ im Taglohn oder als „Lehenhäuer“ auf Akkordlohn, der nach dem erbauten Erz oder nach der erbauten Strecke bemessen wurde. Den Arbeitsgruppen, in denen sie zusammengefaßt waren, stand der „Poyss“ (heute in USA. „boss“) vor. Der Lohn wurde von den Gewerken jährlich etwa achtmal bei der „Raitung“ ausbezahlt. Einen Teil des Lohnes bekamen die Knappen als „Pfennwert“ in Verpflegsgütern. Über deren Anrechnungspreis entstand oftmals Streit zwischen Gewerken und Knappschaft. Mit größter Strenge wurde gegen die Ausspähung der Gruben vorgegangen 5 - 8 . Auch sei erw r ähnt, daß — wie überhaupt in Tirol — so auch im Kitzbüheler Bergbaurevier das Markscheidewesen schon von der Wende des Mittelalters- zur Neuzeit an auf hoher Stufe stand 15 .
Viele Angehörige der tirolischen Patriziergeschlechter betätigten sich als Gewerken. Unter diesen seien die Familien der Stöcke, Tännzl, Jöchl und Geiz- koeler erwähnt. Sie zeichneten sich dadurch aus, daß sie rationelle Bergwirtschaft betrieben und den Knappen zukommen ließen, was ihnen gebührte. Dagegen betrieben die mächtigen, von auswärts gekommenen Gewerken vielfach Raubbau und bedrückten die Knappen. Aber nur diese kapitalskräftigen Unternehmer vermochten in Krisenzeiten solche Summen aufzuwenden, wie sie für die Fortführung der Betriebe nötig waren 4 - 5 > 8 . Mußte ein Betrieb eingestellt werden, dann nannte man dies „die Reibeisen abreissen“. Denn die Reibeisen, die auf den Trambahnen aufgenagelten Eisenstreifen, die die in Tirol „Truhen“ genannten Hunde in den Stollen und in den Strecken führten, waren das Symbol des technischen Fortschrittes, der um die Wende des fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert eingesetzt hatte und durch den sich der tirolische Bergbau stets, vom Anbeginn bis zum Erlöschen, ausgezeichnet hat.