Aufsatz 
Zur Geschichte der ehemaligen Staatlichen Schwefelsäurefabrik in Wien-Heiligenstadt und der ehemaligen k.k. Salmiakfabrik in Nußdorf / von E. A. Kolbe
Entstehung
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E. A. Kolbe

kapelle hatte ihre eigene Feuerung. Damals wird so manche Glasretorte während des Konzentrationsvorganges gesprungen sein. Die dann aufgetretenen Säure­dämpfe werden auch die Bedienung der Feuerungen der übrigen gußeisernen Sandkapellen erschwert haben. Das Einsetzen einer neuen Retorte konnte erst nach dem Auskühlen und sorgfältigen Reinigen der betreffenden Sandkapelle erfolgen, womit ein nicht unerheblicher Zeitverlust verbunden war. Das vor­beschriebene primitive Verfahren zur Erzeugung von Schwefelsäure war un­wirtschaftlich, denn aus 100 Gewichtsteilen Schwefel wurden nur 150 bis 200 Ge­wichtsteile 66gradige Säure gewonnen. Die damalige Jahreserzeugung an 66gradi- ger Säure hat nach Möller rund 600 Wiener Zentner betragen. Keess wies in seinem im Jahre 1823 herausgegebenen Buche auf das verdienstvolle Wirken des damaligen Vorstandes der ärarischen Vitriolölfabrik zu Nußdorf, Freiherrn von Leithner, hin. Möller beschrieb eingehend die bedeutenden Betriebs­verbesserungen, die auf Leithner zurückzuführen sind. Unter Leithner wurden im Jahre 1826 zwei neue Bleikammern von je 30 Fuß Länge, 16 Fuß Breite und 8 Fuß Höhe erbaut. Der Schwefel wurde nicht mehr in eisernen IÄiffeln, sondern in einem kleinen Ofen auf einer gußeisernen Schale verbrannt. Zu jeder Kammer gehörte ein Schwefelverbrennungsofen, welcher durch einen bleiernen Stutzen mit der betreffenden Kammer in Verbindung stand, ferner je ein kleiner vertikal gebauter Dampfkessel mit Dampfzuleitungsrohr zur Kammer und je eine in den Rauchkanal eingebaute Sandkapelle mit eingesetztem Glaskolben für die Auf­nahme des Zusatzes. Unter Leithner wurde als zur Schwefelsäurebildung un­bedingt erforderlicher Zusatz eine Mischung von rauchender Salpetersäure mit Melasse verwendet. Diese Mischung wurde jeweils im vorerwähnten Glaskolben bereitet. Aus ihr entwickelten sich namentlich in der Wärme die in die Kammer abgeleiteten Stickoxyde. Die während des Betriebes aus dem Schwefelverbren­nungsofen ausgetretenen Schwefeldioxyd enthaltenden Gase gelangten gemein­sam mit den Stickoxyden und mit Wasserdampf in die betreffende Bleikammer, auf deren Boden sich nicht mehr wie früher Wasser, sondern Kammersäure von zirka 50° befunden hatte. Diese Betriebsweise hatte gegenüber der früheren den großen Vorteil, daß die sich ständig bildende Schwefelsäure in gleicher Stärke, nämlich zirka 50°, erhalten werden konnte. Die Beschickung jedes Verbrennungsofens erfolgte alle 8 Stunden mit 7 ! / 2 Wiener Pfund Schwefel. Während des gleichen Zeitraumes waren zur Entwicklung der Stickoxyde 16 Loth rauchende Salpetersäure von 48° Be und 6 Loth Melasse erforderlich. Durch die von Leithner erzielten Betriebsverbesserungen war es gelungen, nicht nur das Ausbringen an 66gradiger Säure aus 100 Gewichtsteilen Schwefel bis auf 290 bis 300 Gewichtsteile zu erhöhen, sondern auch die jährliche Gesamterzeugung an Säure zu steigern, wodurch eine wesentliche Senkung der Gestehungskosten ein­getreten war. Irn Jahre 1817 wurde ein von der Firma Jeannety in Paris ge­lieferter, sehr leistungsfähiger Konzentrationsapparat aus Platin im Gewichte von 19,2 kg mit einem Fassungsrauin von 170 Liter in Betrieb gesetzt und die Kon­zentrationsarbeit in gläsernen Retorten endgültig aufgegeben. Im Jahre 1826 belief sich die jährliche Erzeugungsmenge an 66graniger Schwefelsäure auf 1400 Wiener Zentner. Im Jahre 1829 wurde eine für die damaligen Betriebs-