Aufsatz 
Zur Geschichte der ehemaligen Staatlichen Schwefelsäurefabrik in Wien-Heiligenstadt und der ehemaligen k.k. Salmiakfabrik in Nußdorf / von E. A. Kolbe
Entstehung
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Geschichte der Scliwefelsäurefabrik in Wien-Heiligenstadt und der k. k. Salmiakfabrik. 77

Personen, die von Seite des Ärars namhaft gemacht worden waren, die Be­reitungsart der englischen Schwefelsäure mit allen Manipulationen und Geheim­nissen mitgeteilt und vor ihnen werktätig seine Angaben über das Ausbringen an Schwefelsäure aus Schwefel bewiesen hatte. Die Vorrichtungen bei Über­nahme der Fabrik bestanden lediglich aus einem Brennhause, in welchem sich sechs Bleikammern befanden, und aus einem Laboratorium, in welchem die Schwefelsäure in zwölf gläsernen Retorten konzentriert wurde. Die vorhandenen Bleikammern waren kubisch gebaut und faßten an Füllung je 10 bis 16 Eimer. Ihre Zahl wurde wegen des steigenden Absatzes an Vitriolöl in den folgenden Jahren auf 14 erhöht. Der damals zur Herstellung der Schwefelsäure benötigte

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Bild 1 . Gesamtansicht der Staatlichen Schwefelsäure- und chemischen Produktenfabrik in Heiligenstadt.

Schwefel stammte aus dem k. k. Schwefel werk Swoszowice bei Krakau, Galizien, welches auch den für die Schwarzpulvererzeugung in den ärarischen Pulver­fabriken erforderlichen Schwefel lieferte, ferner aus Radoboj bei Krapina in Kroatien. Das damalige diskontinuierliche Herstellungsverfahren für das Vitriolöl war sehr primitiv. Der Schwefel wurde in jeder einzelnen Bleikammer, auf deren Boden sich Vorschlagswasser befand, in eisernen Löffeln verbrannt und das hiebei entstandene Schwefeldioxyd durch ein in tönernen oder gläsernen Gefäßen in die Bleikammer gebrachtes, streng geheim gehaltenes Oxydations­mittel, den sogenannten Zusatz, in verdünnte Schwefelsäure übergeführt. Das Ausbrennen des Schwefels in den eisernen Ixiffeln dauerte 3 bis 4 Stunden. 2 bis 3 Stunden nach dem Ausbrennen wurde jede Kammer zwecks Lufterneuerung ungefähr 6 Stunden hindurch gelüftet. In 24 Stunden konnte sonach zweimal Schwefel verbrannt werden. Bei diesem zeitraubenden Verfahren dauerte es 6 bis 8 Wochen bis die Bodensäure in jeder einzelnen Kammer eine Stärke von 40° angenommen hatte. Die 40grädige Säure wurde sodann in einer bleiernen Pfanne vorgewärmt und in einer zweiten Pfanne bis auf 60° vorkonzentriert. Beide Pfannen besaßen eine gemeinschaftliche Feuerung. Die Konzentration der 60graaigen Säure auf eine solche von 66° Be erfolgte bis 1817 in Glasretorten, welche einzeln in gußeiserne Sandkapellen eingesetzt worden waren. Jede Sand-

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