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E. A. Kolbe
einander verbundenen Bleikammern und die übrigen zum Betriebe erforderlichen technischen Einrichtungen, welche einen Gesamtkostenaufwand von 53000 Gulden Conventions-Münze erfordert hatten, wurden im Jahre 1851 vollendet. Die Gasbewegung im neuen Kammersystem erfolgte durch natürlichen Luftzug, welcher durch besondere Einrichtungen reguliert werden konnte. Ein Gay-Lussac-Turm war damals nicht eingebaut worden 5 . Vom Jahre 1851 angefangen wurde als zur Schwefelsäurebildung unentbehrlicher Zusatz nur verdünnte Salpetersäure verwendet. Der damalige Salpetersäureverbrauch muß infolge der aus der letzten Kammer ständig ungenützt ins Freie entwichenen Stickoxyde unverhältnismäßig groß gewesen sein. Justus Liebig erwähnt im elften seiner Chemischen Briefe, daß beim Bleikammerbetriebe auf je 10 Zentner verbrannten Schwefels ein Zentner Salpeter verbraucht wurde. Hieraus ergibt sich, daß die damaligen Gestehungskosten für Schwefelsäure hoch gewesen sein müssen. Mit den neuen Bleikammern und mittels eines im Jahre 1849 aufgestellten Konzentrationsapparates aus Platin von 200 Liter Inhalt, welcher jedoch anders als die früher verwendeten Konzentrationsapparate gebaut war und mit welchem gegenüber früher in kontinuierlicher Arbeitsweise nahezu die doppelte Menge 66gradiger Säure hergestellt werden konnte, war es möglich geworden, jährlich 14 000 Wiener Zentner 66gradige Schwefelsäure zu erzeugen. Nur nebenbei sei bemerkt, daß sich die Gesamterzeugung an Schwefelsäure in den folgenden Jahren nicht oder nicht wesentlich geändert haben dürfte, denn im Jahre 1874 gab A. Bauer 0 , Professor am Polytechnikum in Wien, die Jahreserzeugung der Heiligenstädter Fabrik ebenfalls mit 14000 Wiener Zentnern konzentrierter Schwefelsäure an. Als hervorzuhebende Betriebsverbesserung muß die im Jahre 1870 erfolgte Aufstellung eines kleinen Gay-Lussac-Turm es bezeichnet werden. Hierdurch ging der Salpetersäureverbrauch zurück. Die Kammeranlage erfuhr eine weitere Vervollkommnung durch den im Jahre 1890 erfolgten Zubau eines Gloverturmes. Nachdem auch der Gay-Lussac-Turm bedeutend vergrößert worden war, sank der Salpetersäureverbrauch noch weiter und damit die Gestehungskosten. Der zur Säureherstellung erforderliche arsenfreie Schwefel wurde aus Sizilien über Triest - in Holzfässern bezogen. Im ersten Weltkriege mußte der Betrieb der Heiligenstädter Schwefelsäurefabrik infolge Schwefelmangels am 31. Dezember 1915 eingestellt werden. Der namentlich den Chemikern der früheren Generation durch Exkursionen in die Fabrik bekanntgewordene, in den Jahren 1895 bis 1902 erworbene Konzentrationsapparat aus Platin im Gewichte von zirka 35kg verfiel während des ersten Weltkrieges der Beschlagnahme. Die Wiederinbetriebsetzung der Bleikammeranlage erfolgte am 5. August 1920. Die nach dem ersten Weltkriege angeordneten strengen Sparmaßnahmen zwangen zur Verbesserung der Betriebseinrichtungen hauptsächlich in wärmetechnischer Hinsicht. Es gelang, die bei der Verbrennung des Schwefels auftretenden AVärmemengen zur Erzeugung von Wasserdampf auszunützen, ohne daß hiedurch die Leistung des
5 I)en Gloverturm kannte man damals noch nicht.
8 Officieller Ausstellungsbericht, herausgegeben durch die General-Direction der Weltausstellung: „Die chemische Großindustrie“ von Dr. A. Bauer. Wien 1874, k. k. Hof- u. Staatsdruckerei.