Geschichte der Schwefelsäurefabrik in Wien-Heiligenstadt und der k. k. Salmiakfabrik. 89
außerhalb des Wiener Stadtgebietes auf den damaligen Grundstücken des Stiftes Klosterneuburg errichtet. Die Lage der Fabrik entsprach sonach dem schon gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts vertretenen Grundsätze, daß Industrieanlagen von den Städten fernzuhalten seien. In keiner der mir zur Verfügung gestandenen Unterlagen fand ich Hinweise darauf, daß sich in Österreich schon vor 1790 eine Vitriolölfabrik, in welcher sogenannte englische Schwefelsäure durch Verbrennung von elementarem Schwefel unter Verwendung von Bleikammern erzeugt worden wäre, befunden hätte. Die Vitriolölfabrik „Zu Balleisen“ war daher die erste Schwefelsäurefabrik dieser Art in Österreich. Dafür spricht auch, daß die k. k. Hofkammer im Münz- und Bergwesen in Wien im Jahre 1801 anläßlich der Erwerbung dieser Fabrik durch das österreichische Ärar dem Verkäufer Schrot- tenbach für die Überlassung des Geheimnisses seiner Fabrikationsmethode ein, wie es damals hieß, Douceur von 200 Dukaten ausgezahlt hat. Sie würde diese, unabhängig vom Kaufpreise für die ganze Anlage entrichtete Sonderzahlung nicht bewilligt haben, wenn die in Betracht gekommene Fabrikationsmethode schon vorher allgemein bekannt gewesen wäre. Daß die genannte Vitriolölfabrik die erste ihrer Art im Inlande gewesen ist, wird auch von Prof. Dr. Bauer am Polytechnikum in Wien bestätigt. Bauer gab in dem von ihm verfaßten Abschnitt über die chemische Großindustrie Österreichs im Offiziellen Bericht über die Wiener Weltausstellung 1873 11 im Absätze, betreffend die k. k. Schwefelsäurefabrik zu Unterheiligenstadt bei Wien (so wurde die Fabrik zur damaligen Zeit bezeichnet), wörtlich an: „Diese Fabrik ist die älteste Fabrik Österreichs, in welcher man englische Schwefelsäure erzeugt.“ Georg Lunge, welchem die Ergebnisse vorstehender Erhebungen nicht bekannt gewesen sind, gab an 12 , daß in Österreich übrigens schon im Jahre 1804 in Nußdorf eine Bleikammer erbaut worden sei. Um diese Zeit waren jedoch die Bleikammern der Vitriolölfabrik „Zu Balleisen“ schon seit Jahren im Betriebe gestanden. Auch Bruno Waeser hat in seinem dreibändigen Werke 13 , welches nach dem Tode von Georg Lunge als die bedeutendste Veröffentlichung auf diesem Gebiete zu bezeichnen ist, keinerlei Angaben über die Errichtung der ScHROTTENBACitschen, später ärarischen Vitriolölfabrik „Zu Balleisen“ nächst Nußdorf gemacht.
über die Gründe, welche das österreichische Ärar zu Beginn des 19. Jahrhunderts veranlaßt haben konnten, die vorgenannten chemischen Fabriken zu betreiben, lassen sich nur Vermutungen anstellen. Vielleicht geschah es in Anlehnung an die wirtschaftspolitischen Ideen des Merkantilismus, wonach der Staat als Unternehmer beispiel- und richtunggebend zu wirken hatte. Es ist jedoch auch möglich, daß die damals hiefür maßgebend gewesene k. k. Hofkammer im Münz- und Bergwesen im Einvernehmen mit den höchsten militärischen Stellen des Iteiches sowie mit noch anderen hohen Dienststellen Interesse daran hatte, die in Betracht gekommenen chemisch-technischen Fabrikationsmethoden unabhängig \on privaten Unternehmungen in eigenen Werken kennenzulernen und ihre finan-
11 Erschienen bei der Hof- u. Staatsdruckerei Wien, 1874, S. 26.
12 Handbuch der Soda-Industrie und ihrer Nebenzweige, 1. Band, Handbuch der Schwefelsäurefabrikation, 1903, S. 869.
13 Handbuch der Schwefelsäurefabrikation, 1930.