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E. A. Kolbe
geführt, wo er in entsprechenden Zerkleinerungs- und Mahlvorrichtungen zwecks Erzielung einer guten Umsetzung bis auf Mehlfeinheit gebracht werden mußte.
In Oppau sowie im Leunawerk wurde das synthetische Ammoniak nach Haber- Bosch aus Stickstoff und Wasserstoff erzeugt, welche beiden Gase in einer besonderen Apparatur bei hoher Temperatur (550° C) und hohem Druck (200 atü) in Gegenwart bestimmter Katalysatoren aufeinander einwirkten, wobei sich aus dem Gasgemisch zwar nicht quantitativ, so doch zu einem wirtschaftlich brauchbaren Prozentsätze Ammoniakgas bildete. Hinsichtlich der Produktionsverhältnisse des besichtigten Oppauer Werkes wird im 1. Bande der „Enzyklopädie der technischen Chemie*' von Ullmann, 2. Aufl., Abschnitt Ammoniak, angegeben, daß die zunächst für eine Jahreserzeugung von 36.000 t Ammonsulfat, entsprechend 9000 t Ammoniak, projektiert gewesene Werksanlage im Jahre 1913 in Betrieb gekommen sei. Schon nach wenigen Monaten sei in Oppau mit der Erweiterung des Werkes auf die fünffache Jahresproduktion begonnen worden. Nach Ausbruch des ersten Weltkrieges soll die Jahreskapazität dieser Aidage bis auf 300.000 t Ammonsulfat gesteigert worden sein. K. A. Hofmann und U. R. Hofmann gaben in ihrem Buche „Anorganische Chemie“, 9. Aufl., 1941, an, daß nach dem Haber-Bosch-Verfahren in Deutschland im Jahre 1923 etwa 365.000 t Ammoniak hergestellt worden seien.
Schließlich weise ich noch auf das im Leunawerk der I. G. Farbenindustrie A. G. bei Merseburg ausgeübte Verfahren zur Herstellung von Ammonchlorid (Salmiak) aus synthetischem Ammoniak hin. Dieses Werk habe icht nicht besichtigt. Ich halte mich lediglich an eine im Jahre 1929 in Oppau erhaltene Verfahrensbeschreibung, in welcher kurz angegeben wurde, daß im genannten Werke als Salzsäureträger Steinsalz Verwendung fand, ferner, daß mit Hilfe von Kohlensäure aus einer Lösung von Natriumchlorid in Ammoniakwasser Ammonchlorid (Salmiak) und Natriumkarbonat (Soda) gewonnen wurden.
Vergleicht man die ehedem bei den Werken der früher bestandenen I. G. Farbenindustrie A.G. zur Herstellung von Ammonsulfat und Ammonchlorid (Salmiak) angewandten Umsetzungsverfahren mit den in der ehemaligen k. k. Salmiakfabrik - in Nußdorf benützten Methoden, so zeigt es sich, daß jene Chemiker, welche vor 150 Jahren dem österreichischen Ärar ihre Vorschläge zur Herstellung von Salmiak bekanntgegeben hatten, die bestmöglichen Wege zu dessen Gewinnung herausgefunden hatten. Gips war schon damals der billigste Schwefelsäureträger und Natriumchlorid der billigste Salzsäureträger. Selbst die Chemiker der ehemaligen I. G. Farbenindustrie A. G. hatten keine geeigneteren und billigeren Hilfsstoffe ermitteln können.
Stellung und Bedeutung der beiden staatlichen Fabriken.
Was die Stellung und Bedeutung der k. k. Vitriolölfabrik „Zu Balleisen“ und der k. k. Salmiakfabrik in Nußdorf innerhalb der damaligen chemischen Industrie Österreichs, zur Zeit, als Keess sein wiederholt erwähntes Buch herausgegeben hatte, anbetrifft, wurde bereits angegeben, daß die erstgenannte die größte im Inlande und die zweite vielleicht die größte am Kontinent gewesen sein soll. Leopold Schrottenbach hat seine Vitriolölfahrik im Jahre 1790 weit