Aufsatz 
Zur Geschichte der ehemaligen Staatlichen Schwefelsäurefabrik in Wien-Heiligenstadt und der ehemaligen k.k. Salmiakfabrik in Nußdorf / von E. A. Kolbe
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Geschichte der Schwefelsäurefabrik in Wien-Heiligenstadt und der k. k. Salmiakfabrik. 87

eisernen Ring, an dem unten eine erdene Kappe befestigt ist, eingeschlossen sind. Die ganze Zeit des Sublimationsprozesses dauert 36 Stunden. Den Gyps bezieht die Fabrik aus Salzburg und Heiligenkreuz. Die Jahreserzeugung der Fabrik an Salmiak beträgt rund 600 Wiener Zentner. 600 Wiener Zentner entsprechen 336 q gleich 33,6 t. Nach Keess soll die Nußdorfer Salmiakfabrik vielleicht die größte auf dem Kontinent gewesen sein.

Zu dem von Keess beschriebenen Vorgänge der Gewinnung des Ammonium­karbonat enthaltenden Destillats aus Harn wird bemerkt, daß frischer, normaler, für gewöhnlich schwach sauer reagierender Harn Ammoniumverbindungen nur in sehr geringer Menge, u. zw. bezogen auf NH S 0,40,6°/ 00 , enthält. Die schwach saure Reaktion des Harns rührt bekanntlich von primären phosphorsauren Salzen des Natriums und Kaliums her. Der von den Lieferanten zugeführte Harn mußte in Nußdorf vor seiner Verarbeitung einige Zeit, im Winter länger, im Sommer kürzer, in Behältern aufbewahrt werden, bis er infolge der Einwirkung von Bak­terien und Enzymen, vor allem der Urease, zu faulen begann und dann alkalisch reagierte, wobei aus dem zerfallenen Harnstoff Kohlensäure und Ammoniak und durch Wasseraufnahme Ammoniumkarbonat entstanden waren. Die doppelte Umsetzung des Ammoniumkarbonats mit Gips wird durch Zugabe von gemahlenem Gips zum vorerwähnten Destillat unter Umrühren erfolgt sein.

Dr.-Ing. A. Sander 10 machte in seiner Veröffentlichung über die Herstellung von Ammoniumsulfat im großen im Jahre 1919 unter Hinweis auf die von Keess gemachten Angaben über das um das Jahr 1823 in der Nußdorfer k. k. Salmiak­fabrik angewandte Verfahren der doppelten Umsetzung von Ammoniumkarbonat mit Gips darauf aufmerksam, daß das gleiche Verfahren seit Jahren von der Badischen Anilin- und Sodafabrik in größtem Maßstabe zur Gewinnung von Ammoniumsulfat benützt wird, wobei große Mengen an Schwefelsäure erspart worden sind.

Im Jahre 1929 hatte ich Gelegenheit, das Haber-Bosch- Verfahren zur Ge­winnung von synthetischem Ammoniak im Werke der I. G. Farbenindustrie A. G. in Oppau am Rhein kennenzulernen. Unter anderem wurde mir dort auch die große Anlage zur Herstellung des als Düngemittel verwendeten Ammonsulfats aus Ammonkarbonatlösung, welche durch Einleitung von Kohlensäure in Am­moniakwasser gewonnen wurde, und Gipsmehl gezeigt. Ich erzählte den beiden mich führenden Werkschemikern, daß das gleiche Verfahren schon von mehr als 100 Jahren in der früher bestandenen Salmiakfabrik in Nußdorf angewandt worden sei. Jedoch welch ein Unterschied im Gipsverbrauch der früher bestan­denen Nußdorfer Fabrik gegenüber jenem des Oppauer Werkes. Der in der k. k. Salmiakfabrik, bezogen auf eine Jahreserzeugung von 600 Wiener Zentnern gleich 33,6 t Salmiak, in einer Menge von jährlich rund 501 benötigte Gips mußte ihr per Achse von Heiligenkreuz oder aus dem Lande Salzburg zugeführt werden. In Oppau wurde der unweit des Werkes in Neckarzimmern gewonnene Gips ver­wendet. Er wurde am Gewinnungsorte vorgebrochen, in Spezialwaggons verladen und mehrere Male im Tage in ganzen Eisenbahnzügen dem Oppauer Werke zu-

10 Köthener Chemiker-Zeitung, Jahrgang 1919, S. 661.