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E. A. Kolbe
Wann der Betrieb dieser Fabrik eingestellt wurde, ist nicht bekannt. Im Jahre 1840 stand sie noch im Betriebe. Im bereits genannten Buche von Slokar „Geschichte der österreichischen Industrie und ihrer Förderung unter Kaiser Franz 1.“, XXV. Kapitel, wird nämlich erwähnt, daß in dieser Fabrik im Jahre 1840 262 Wiener Zentner sublimierten Salmiaks erzeugt worden sind. Um diese Zeit war jedoch schon in zahlreichen europäischen Städten die Gasbeleuchtung eingeführt worden 9 . Jedenfalls hat das bei der Entgasung der Steinkohlen in den Leuchtgasfabriken und Gasanstalten sowie später in den Kokereien in erheblicher Menge anfallende Annnoniumkarbonat enthaltende Gaswasser, aus welchem sich alle Ammoniumverbindungen unschwer gewinnen ließen, das damals in der Nuß- dorfer Salmiakfabrik ausgeübte Verfahren zur Gewinnung von Salmiak aus Urin und Knochen verdrängt. Es mag den für die k. k. Hofkammer im Münz- und Bergwesen in Wien vor der Erbauung der Nußdorfer Salmiakfabrik tätig gewesenen beratenden Chemikern nicht leicht gewesen sein, die Entscheidung über das vorteilhafteste Ausgangsmaterial für die Salmiakerzeugung zu treffen. Es kamen nur organische, stickstoffhaltige menschliche oder tierische Abfallprodukte in Betracht. Vom Zeitpunkte der Inbetriebsetzung dieser Fabrik bis zum Jahre 1807 wurde nur Urin verarbeitet, von da ab wurden daneben auch tierische Knochen zur Verarbeitung auf Salmiak herangezogen. Nur nebenbei sei bemerkt, daß im nahen Orient schon vor mehreren Jahrhunderten Salmiak durch Schwelen von Kamelmist gewonnen wurde.
Die von Keess gemachten Angaben über die damalige Beschaffung des Aus- gangsmateriäls sowie die von ihm verfaßte Beschreibung des in der k. k. Salmiakfabrik in Nußdorf angewandten Verfahrens zur Erzeugung von Salmiak werden nachstehend auszugsweise wiedergegeben. „Die Nußdorfer Fabrik erhält durch eigene Lieferanten täglich 150 Eimer Urin, wozu vorzüglich die Casernen, Spitäler und auch eigens eingerichtete Sammlungsörter in Häusern und Straßen das meiste beitragen. Zuerst wird kohlenstoffsaures Ammoniak durch Destillation des Urins bereitet. Man erhält bei Maschinen mit kleinen Hüten aus 10 Eimern Urin 2 1 /, Eimer 5—6gradiges Destillat mit einem spezifischen Gewicht von 1,010, bei solchen mit verlängerten Hüten 3 3 / 4 Eimer Destillat. Um beim Mangel an Urin fortarbeiten zu können, verwendet die Fabrik seit 1807 zur Erzeugung des kohlenstoffsauren Ammoniaks auch Knochen. Das kohlenstoffsaure Ammoniak wird hierauf kalt mit schwefelsaurem Kalk (Gyps) gemischt, durch diesen zersetzt und auf diese Art das schwefelsaure Ammoniak gewonnen, welches dann einem zweiten Prozeß, nämlich der Zersetzung durch Mutterlaugensalz oder salzsaures Natron (Kochsalz) in der Siedehitze unterworfen wird, wobey salzsaures Ammoniak (Salmiak) und schwefelsaures Natron (Glaubersalz) gebildet werden. Beim nachfolgenden Abdampfen krystallisiert das schwefelsaure Natron und wird mit hölzernen Krücken herausgeschafft; beym Abkühlen der Lösung krystallisiert endlich auch das salzsaure Ammoniak als Salmiakblumen, welche nun getrocknet und der Sublimation unterworfen werden. Die Sublimation geschieht in erdenen Töpfen, welche entweder in einer Capelle von Gußeisen stehen oder von einem
9 In Wien seit 1830.