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Paul Dolch:
so verläuft die stark Wärme entwickelnde Reaktion selbsttätig weiter. Bei dem Aufschwung, den die Kalkstickstoffindustrie genommen hat, wurden später Azotierbehälter mit einem Fassungsvermögen von 8 bis 101 und größer entwickelt Der Kalkstickstoffblock wird nach dem Erkalten auf Staubfeinheit gemahlen und als Staub, geölt oder granuliert, in den Handel gebracht. Er enthält etwa 20 bis 21°/o Stickstoff gebunden, daneben im wesentlichen gebrannten Kalk, der sich vorteilhaft in der Zusammensetzung des Düngers auswirkt.
So standen die Dinge in der Erzeugung der Stickstoffindustrie in Österreich, als 1914 der erste Weltkrieg ausbrach. Die Zufuhr von Chilesalpeter, die 1913 rund 93 0001 betragen hat, fiel aus und das Problem des Ersatzes von Chilesalpeter durch künstlichen Stickstoffdünger wurde brennend, da die vorhandenen Anlagen in keiner Weise in der Lage waren, der Landwirtschaft den fehlenden Chilesalpeter zu ersetzen. Dieser Stand der Dinge findet einen sinnfälligen Ausdruck in der Schrift von M. Dolch (f 1931) „Zur Stickstof ff rage“, Wien 1916, der sich bemühte, die Lage klar zu kennzeichnen. Verständnis für die Möglichkeiten einer heimischen Stickstoffindustrie zu schaffen und Wege zur technischen und wirtschaftlichen Lösung der Stickstofffrage für Österreich aufzuweisen.
Die Schrift gliedert sich in fünf Abschnitte. Zunächst werden einige grundlegende Angaben über den Stickstoffhaushalt in der Landwirtschaft gebracht. Es folgt ein kurzer Bericht über die Verwendung des Luftstickstoffs. Anschließend folgt ein Abschnitt über den Stickstoffdüngemittelmarkt und die Zukunft der Luftstickstoffindustrie sowie ein Bericht über die volkswirtschaftliche Bedeutung der Stickstofffrage und abschließend Bemerkungen über ein Stickstoffsyndikat. In technischer Hinsicht setzt sich der Verfasser der Schrift unter Beibringung ausführlicher technischer und wirtschaftlicher Unterlagen für die Errichtung von Kalkstickstoffabriken in Österreich ein.
„Der Kalkstickstoffindustrie darf in jeder Hinsicht eine durchaus günstige Prognose gestellt werden, insbesondere dann, wenn billige elektrische Energie in großem Maße zur Verfügung steht, wie in den Wasserkräften unserer Alpen.“
Der Gedanke, die Bindung des Luftstickstoffs in Österreich mit Hilfe des Kalkstickstoff-Verfahrens durchzuführen, wurde in den Jahren 1916 bis 1918 in die Wirklichkeit umgesetzt: es wurden in Österreich drei Kalkstickstoffabriken erbaut; eine Kalkstickstoffanlage im Anschluß an die Staatliche Pulverfabrik in Blumau, eine Karbid- und Kalkstickstoffabrik in Falken au an der Eger auf Basis der dortigen Braunkohle und eine Karbid- und Kalkstickstoffabrik in Maria-Rast (Südsteiermark) unter Ausnutzung der Wasserkraft der Drau in den Faalwerken oberhalb Marburgs.
Durch den unglücklichen Ausgang des Krieges verlor Österreich die Kalkstickstoffabriken in Falkenau und Maria-Rast, während die Kalkstickstoffanlage in Blumau zum Erliegen kam. Es blieb nur noch die PAULiNG-Anlage in Patsch bei Innsbruck mit einer Erzeugung von etwa 1000 t Stickstoff im Jahr, die aber 1927