Aufsatz 
Entwicklung und Stand der Stickstoffdüngerindustrie in Österreich / von Paul Dolch
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Entwicklung und Stand der Stickstoffdüngerindustrie in Österreich. 11

stillgelegt wurde. So hatte Österreich keine Stickstoffindustrie inehr, wenn man von der Gewinnung von Nebenproduktammoniak aus Gaswasser der Wiener Städtischen Gaswerke in Simmering und I^eopoldau absieht. Gleichwohl kamen die Bemühungen, eine Stickstoffindustrie in Österreich zu errichten, um sich von dem Bezug ausländischer Stickstoffdüngemittel freizumachen, nicht zum Still­stand. So trat z. B. der Elektrochemiker Dr. Franz Hoefft 4 unter Hinweis auf die Bedeutung der Wasserkraft für die Errichtung einer chemischen Industrie in Österreich in der Tagespresse für den Bau eines Stickstoffwerkes an der Donau in der Nähe des künftigen Linzer Hafens ein und nahm damit die spätere Platzwahl, die durch die natürliche Lage des Ortes gegeben ist, vorweg.

Auch in den dreißiger Jahren verstummten die Stimmen nicht, die immer wieder auf die Errichtung einer österreichischen Stickstoffindustrie hinwiesen. So lesen wir z. B. imösterreichischen Volkswirt 1936/37, Nr. 90/91, folgenden Bericht:

Stickstofferzeugung in Österreich.

Seit längerem werden Pläne erwogen, in Österreich die Erzeugung von künstlichem Stickstoff aufzunehmen. Mit ihrer Verwirklichung würde Österreich wieder einen Schritt in der Richtung der Autarkie getan haben mit allen Folgen wirtschaftlicher und handels­politischer Art, auch den bedenklichen. Der Bedarf Österreichs an Stickstoff für land­wirtschaftliche Zwecke (Düngemittel) und technische Erfordernisse (Sprengmaterial) ist verhältnismäßig nicht groß, er wird auf 3000 Waggon jährlich veranschlagt, während das kleinste Aggregat, das eine Stickstoffabrik überhaupt in Betrieb nehmen kann, eine Kapazität von 2800 Waggon hat. Es könnte also nur eine kleine Anlage errichtet werden, die natürlich teurer erzeugen würde als große Betriebe. Dennoch stellt sich der Kapitalbedarf einer derartigen Anlage auf 15 bis 20 Mill. S. Es kommen daher nur finanzkräftige Firmen als ernste Bewerber in Betracht, nicht auch jene anderen Pro­jektanten, die sich um die Konzession bemühen. Bewerber, deren finanzielle und tech­nische Leistungsfähigkeit außer Zweifel steht, sind eine in Österreich durch ein Konzern­unternehmen vertretene internationale Weltfirma und eine österreichische Aktien­gesellschaft der chemischen Industrie. Zu diesen Bewerbern käme jedoch für den Fall, daß auch die Gewinnung des Stickstoffs aus Kohle zur Entscheidung stünde, eine große inländische Braunkohlengesellschaft. Diese Pläne haben bereits auf die Börsenkurse gewisser Aktien abgefärbt. Die Gründungsabsichten sind jedoch bisher über das Projekt­stadium nicht hinausgelangt.

Die Schwierigkeiten, eine Stickstoffindustrie in Österreich aufzubauen, lagen, abgesehen von der Beschaffung des hohen Anlagekapitals, vornehmlich in der Frage der Beschaffung des Wasserstoffs. Wohl wurde die Verwendung von elek­trolytischem Wasserstoff, die wegen der Gewinnung aus Wasserkraftelektrizität und der Reinheit des Wasserstoffs Anreiz bot, erwogen, doch standen in dieser Zeit ausreichende Mengen billigen Stromes nicht zur Verfügung. Das gleiche gilt für die Verwendung einheimischer Brennstoffe zur Wassergaserzeugung. Die Verwendung des Erdgases zur Wassergaserzeugung lag damals noch in der Ferne. Dagegen gestaltete sich die Rohstoff läge für eine synthetische Stick­stof ferzeugung durch die Errichtung einer Großkokerei in Linz wesent­lich günstiger. Bei der Kokserzeugung fallen große Mengen von Koksofen-Über­schußgas an, das eine geeignete Grundlage für die Erzeugung von Reinwasser­stoff abgibt. Da in der Zwischenzeit die Erzeugung synthetischen Stickstoffs

4 LinzerMittagspost

vom 29. März und 4. April 1922 und an anderen Stellen.