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Franz Kirnbauer
Europäische Porzellankunst
Die europäische Porzellankunst stand in engstem Zusammenhang mit der verfeinerten Kultur der europäischen Fürstenhöfe. Nicht selten wechselten die führenden Handwerker und Künstler die Manufakturen. Das 19. Jahrhundert brachte einen künstlerischen Abstieg. Eine Neubelebung der Porzellankunst erfolgte Ende des 19. Jahrhunderts von Kopenhagen aus. Sie führte im 20. Jahrhundert zu einem neuen künstlerischem Aufschwung in allen Ländern Europas, besonders auch in Österreich.
Das Porzellan ist aus unserer Kultur nicht mehr wegzudenken. Durch seine Erfindung schenkte Böttger im Jahre 1709 dem europäischen Kulturkreis den Werkstoff, auf dessen unübertrefflichen hygienischen Vorzügen sich nicht nur unsere ganze heutige Kultur der Tafel aufbaut, sondern der es zugleich ermöglichte, plastische Kunstwerke zu billigen Preisen so zu vervielfältigen, daß die Handschrift selbst des größten Künstlers an allen Stücken unversehrt blieb. Wie bei dem Kupferstich und bei der Radierung, ist auch bei der Porzellanvervielfältigung jedes einzelne Stück als dem Original gleichwertig anzusprechen.
Damit war zum ersten Male seit der Antike plastische Kunst weiten Volkskreisen wieder zugänglich gemacht. Noch am Ausgang des 17. Jahrhunderts befanden sich plastische Kunstwerke nur in Ausnahmefällen in anderen Häusern als in denen der Kirche oder der Fürsten, und wo es der Fall war, waren es zumeist Heiligenfiguren, d. h. Träger kultischer und nicht rein künstlerischer Belange. Dies wurde mit der Erfindung des Porzellans anders. Schon nach wenigen Jahrzehnten waren vor allem durch Kändler in Meißen die Grundlagen unserer gesamten heutigen Tierplastik und figürlichen Kleinplastik gelegt, und nun ergoß sich ein Strom von Kleinplastik ins Volk, wie ihn die Welt seit den Tagen der Antike nicht wieder gesehen hatte. Die Begeisterung der Zeitgenossen über diese graziösen Gebilde war ohne Grenzen. Es ist als ob der ganze Hunger des Volkes nach Plastik, der solange angestaut war, nun plötzlich alle Welt ergiffen hätte.
Wie kaum anders zu erwarten war, hat die Leichtigkeit der Vervielfältigung von Plastiken in Porzellan dazu geführt, daß sich im Laufe der Zeit viele Kräfte zweiten oder dritten Ranges auf diesem Gebiete versucht haben. Es ist aber zweifellos ein grundlegender Irrtum, deswegen den Werkstoff selbst, wie es leider zuweilen in Künstlerkreisen geschieht, als zweitrangig zu bezeichnen. Es war ohne Zweifel ein großes Glück für das deutsche und europäische Porzellan, daß August der Starke, kaum daß der Werkstoff technisch gemeistert war, einem Plastiker von ganz großer Begabung fast unmöglich erscheinende Dinge in diesem Werkstoff abverlangte. Kändler hat sich dieser Aufgabe meisterhaft entledigt. Man muß in der Tat bis in die römische Antike zurückgreifen, ehe man wieder auf Tierdarstellungen von gleicher künstlerischer Höhe stößt, wie sie die von Kändler für das Japanische Palais in Dresden geschaffenen Großtiere darstellten. Das Gesamtwerk Kändlers kann wohl mit Recht als die größte plastische Leistung der europäischen Kunst im 18. Jahrhundert gelten, und diese Leistung steht in Porzellan vor uns.
Neben dieser kulturellen und künstlerischen Bedeutung des Porzellans treten