Zur Geschichte des k. u. k. Technischen Militär-Komitees 18(39 —1918
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mit jenen des ersten Weltkrieges, dann wird der mächtige Unterschied in Bewaffnung und Ausrüstung offenkundig. Es ist nur ein knappes halbes Jahrhundert — 49 Jahre — von 1869, dem Gründungsjahr des Technischen Militärkomitees bis zu dessen Ende 1938, in dieser Zeit aber bekam die Infanterie nach dem einfachen Hinterlader das Repetiergewehr und die erste automatische Waffe, die Artillerie ging zum Hinterlader, zum Rohrrücklauf, von 15 cm-Rohren zu schweren Kalibern bis 42 cm und zu verfeinerten Rieht- und Beobachtungsmitteln über, die Befestigungen mußten wegen der vervielfachten Sprengwirkung mit Panzer und Eisenbeton ausgestattet werden, das Verkehrswesen nahm einen großartigen Aufschwung (Fahrrad, Dampf, Motor, Seilbahnen, schwere Brücken), Telegraph, Telephon, Funkwesen u. a. m. bereicherten Beobachtung und Verständigung, schließlich folgten dem Kugelballon die Lenkluftschiffe und die Flugzeuge. Schon dieser kursorische Überblick gibt einen Begriff davon, welche Arbeit von der Technik erfindend, planend, versuchend und erzeugend geleistet werden mußte, was ohne eine speziell für solche Arbeit festorganisierte Institution unmöglich gewesen wäre.
Auch in den ältesten Zeiten begegnen uns hervorragende Kriegstechniker, wie z. B. Dionysios I. von Syrakus oder Archimedes, der nichts anderes war als der ■Geniechef von Syrakus. Die Renaissance kannte leitende Kriegsingenieure, Leonardo da Vinci war der Generalingenieur Cesare Borgias, Michelangelo bewährte sich als der Generalinspektor der florentinischen Landesverteidigung und Bramante übte ähnliche Funktionen im Kirchenstaate aus.
In Österreich reicht die Entwicklung einer technischen Militärzentrale sehr weit zurück. Es ist bezeichnend, daß dem 1556 von Ferdinand I. gegründeten Hofkriegsrat — dem damaligen Kriegsministerium — nicht weniger als vier technische Ämter eingegliedert waren: das Obrist-Land- und Hauszeugamt, das Fortifikationsamt, der General-Superintendent der Bauten und Brücken und das Obrist-Schiffmeisteraint, welch letzteres bis 1843 bestand. Man sieht, daß die Technik nicht an letzter Stelle reihte und daß man sich ihrer Bedeutung voll bewußt war, wie es ja auch schon zu Maximilians Zeiten der Fall war. In der Folge entwickelten sich hauptsächlich zwei Zentren der militärischen Technik, nämlich die Artillerie- und die Geniedirektion, welche Zweiteilung dauernd aufrecht blieb, wobei nur die Bezeichnungen des öfteren wechselten. Im Jahre 1845 standen unter dem General-Artilleriedirektor und dem Generaldirektor für das Genie- und Fortifikationswesen das Artillerie-Hauptzeugamt und das Geniehauptamt. Zehn Jahre später finden wir die unmittelbaren Vorgänger des Technischen Militär-Komitees, das „Artillerie-Comite“ und das „Genie-Comite“, 2 die 1856 Hilfsorgane des Kriegsministeriums und mit allerhöchster Entschließung vom 29. Juni 1869 3 im „K. k. Technischen und administrativen Militär-
2 In diesen beiden Komitees finden wir Wilhelm V. Lenk, der die Schießbaumwolle für die Artillerie verwertbar machte, den Technologen M. Ebner v. Eschenbach, Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien, den späteren Landesverteidigungs- minister und Präsidenten der Donauregulierungskommission Freiherrn v. Scholl, Karl Moering und den um die erste Semmeringbahn-Trassierung verdienten Franz R. v. Scheibenhof.
3 Normalverordnungsblatt für das k. k. Heer, 57. Stück aus 1869.