Über die Captif-Schraube des Wilhelm Kress 59
bereit, den nötigen Motor zu liefern, das Ministerium möge nun eine Entscheidung treffen.
Das Jahr 1897 brachte einen gewissen Abschluß der Verhandlungen zwischen den militärischen Stellen und dem Erfinder. Nachdem das Komitee im März „die Verwendung eines erübrigten Geldbetrages für die Ausführung eines Versuches mit der KRESS’schen Captif-Schraube genügend gerechtfertigt“ erachtete, schrieb das Ministerium am 4. Mai an Kress , 11 daß es zwar noch immer den Wert des Projektes nicht verkenne, aber doch keine Mittel dafür aufwenden könne, „da es speziell auf dem Gebiete der Aeronautik von Erfindungen, welche sich noch im Versuchstadium befinden, grundsätzlich keinen Gebrauch macht“. Das Ministerium werde, sobald eine verwendungs- fähige Captif-Schraube zur Verfügung stehe, diese erwerben und das Technische Militärkomitee könne die Bedingungen noch formulieren. Dem Ministerium ist diese Entscheidung keineswegs leicht gefallen, was aus dem Konzept der Erledigung zu erkennen ist. Ursprünglich lautete nämlich das Konzept dahin, das Ministerium sei im Prinzip bereit, zu zahlen, doch sollen vorher die Ansprüche bekanntgegeben werden. Dieser Entwurf ist dann durchgestrichen und im oben wiedergegebenen Sinne abgeändert worden. 12 Damit war aber die Angelegenheit noch nicht beendet, denn am 27. Dezember 1897 meldete das Komitee abermals dem Ministerium, 13 daß sich alle maßgebenden Stellen — Ministerium, Aeronautische Anstalt und Komitee — für eine Finanzierung der T ersuche ausgesprochen hätten und der Motor von Siemens und Halske mit 15—20 HP um 6000 fl. geliefert werden könne. Weiter „wird bemerkt, daß von den etwa 150 aeronautischen Projekten, welche das Militärkomitee seit dem Jahre 1884 zu begutachten hatte, dieses vorliegende Projekt einer Captif- Schraube von Wilhelm Kress das Erste und Einzige ist, welches zur wirklichen Ausführung beantragt wurde, weil für kein anderes Projekt die Chancen des Gelingens so relativ günstige wären, wie bei diesem... Die Versuche mit einer Captif-Schraube würden daher als grundlegend und entscheidend für die Frage der technischen Ausführbarkeit dynamischer Flugapparate überhaupt anzusehen sein und hätten daher auch im Falle des Mißlingens einen mindestens wissenschaftlichen Wert für das Problem der Luftschiffahrt...“ und abschließend wird gesagt: „...mit Hinweis auf die weitaus bedeutenderen Geldausgaben, die in Deutschland, Frankreich, Rußland für entschieden minderwertigere aeronautische Projekte gemacht wurden, kann daher das Militärkomitee nur... befürworten.“ Dieser neuerliche Appell des Komitee- Präsidenten v. Geldern-Egmond bewog nun auch wieder das Ministerium, sich weichherziger zu zeigen, und der Sektionschef Feldmarsehaileutnant R. v. Brunner — einer der um die technischen Fortschritte in der Armee meistverdienten Generale — traf die Entscheidung: „7. Abt. Die Angelegenheit energisch in die Hand nehmen und als dringend betrachten! B.“
11 Reichskriegsministerium, Abt. 5, ZI. 831—1897.
12 Merkwürdigerweise liegt die an Kress ergangene Reinschrift, die aber die Spuren erfolgter Postbeförderung trägt und die tatsächlich abgesendet worden war, dem Akte bei.
13 Technisches Militär-Komitee, Sekt. IV., Nr. 3/12—1897.
Technikgeschichte, 14. Heft. 5