Aufsatz 
Joseph Mauritius Stummer von Traunfels / von Hedwig Gollob
Entstehung
Seite
78
Einzelbild herunterladen

78

Hedwig Gollob

änderte sich aber insofern, als diese nördliche Staatshahn an eine französische Gesellschaft üblen Namens und voll Speknlationsgeistes abgetreten wurde. Im Gegensatz zu dem soliden Entwicklungsgang der österreichischen Nordbahn, welche technisch selbst eine große Entwicklung hinter sich hatte, wollte dieses neue französische Unternehmen im Besitz der bereits ausgebauten Bahnen vollauf gegen die Nordbahn auftreten und in hinterhältiger Weise eine Parallel­strecke nach Wien mit Anschluß an die südlichen Staatsbahnlinien durch­führen. Die Nordbahn hat nun in diesen schweren Zeiten Stummer zum Präsidenten erwählt; er war der richtige Mann, welcher sich durch seine technischen Leistungen die Geneigtheit der Regierung zu sichern und mit seiner bekannten Energie die Situation der Nordbahn zu ordnen verstand. In einem geradezu klassisch geformten Promemoria der Nordbahn an die Staatsver­waltung wurde im Hinblick auf das Privilegium die niedrige Art des Vorgehens der französischen Spekulanten gegeißelt. Doch dies war nicht so sehr das Ent­scheidende geworden, als vielmehr, daß Stummer durch technische Arbeiten und sein berühmtes Nordbahntableau, das er in den Weltausstellungen von Paris und London mit großem Erfolge ausstellte, die unumstößliche Bedeutung dieses Unter­nehmens in aller Welt kundgab. Der Kaiser ehrte ihn für seine Rührigkeit und Zurschaustellung der österreichischen Leistung auf dem Gebiete des Eisenbahn­wesens mit der goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft und schließlich wurde von der Regierung der Staatseisenbahngesellschaft der Ausbau der Parallel­strecke verboten. Es w r ar dies ein glänzender Erfolg der Präsidentschaft Stum- mers. Die Direktion ehrte ihn mit einer Überreichung von 25 Nordbahnaktien im Werte von je 1000 Gulden und weiteren Geldgeschenken. 19 Stummer ergriff nun im Sinne des Willens der Staatseisenbahnverwaltung die Initiative und erbrachte einen großen Entwurf für eine einheitliche zentrale Wiener Bahnhofsanlage. Er verwirklichte den Wunsch der Staatseisenbahn nach einer Verbindung des Nord­bahnbereiches mit den südlichen Linien dadurch, daß er bei der Planung eines heuen Nordbahnhofes nicht nur die neuen Bestimmungen der Kommission des Vereines deutscher Eisenbahnverwaltungen in musterhafter Form durchführte, sondern auch auf dem Wege der Nordbahn die Verbindungsbahn zur Südbahn gestaltete. Aus dem alten Kopfbahnhof einen Durchgangsbahnhof machend, ließ er die verbindende Strecke vom Nordbahnhof selbst ausgehen, so daß in einer für den Staat sehr billigen Weise die seinerzeit erstrebte Nord-Süd-Richtung erreicht wmrde. Die Verbindung des Güterbahnhofes mit dem Güterverkehr der Donau erzielte er durch eine völlig neue Führung der Gütergleise, wobei gerade die Be­stimmung der Deutschen Eisenbahnvenvaltung bezüglich der Trennung des Güter­bahnhofes von der Strecke in genialer Weise durchgeführt und ausgenützt wmrde. Die Betriebe der Eisenbahnwerkstätten waren unter seiner Leitung nach Florids­dorf verlegt worden und haben dort eine große Entw icklung für den Bau des Fahr­parkes erlebt. Stummer hatte sich nun im Jahre 1867 aus dem Arbeitsgebiete der von ihm sosehr geschätzten Technik als Lehrperson zurückgezogen, um sich ganz dem Eisenbahnwesen zu widmen. Seine Tätigkeit an der Technik allerdings

19 S r ummer Archiv.