Aufsatz 
Die bisherige Entwicklung der Geschiebetheorien und Geschiebebeobachtungen / von Otto Lanser
Entstehung
Seite
58
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Die bisherige Entwicklung der Geschiebetheorien und Geschiebebeobachtungen.

Von

Sektionsrat Dipl.-Ing. Otto Lanser.

Mit 3 Abbildungen.

Die Geographie der Antike und des Mittelalters war im wesentlichen Topo­graphie, d. h. sie stellte nur die Frage: Wo liegt was? Dieser allgemeine, in der Denkform jener Zeiten verankerte Grundzug schloß jedoch nicht aus, daß man, allerdings mehr in merkwürdigen Einzelfällen, auch morphologischen Vorgängen Aufmerksamkeit schenkte und eine Erklärung dafür versuchte. Dies gilt besonders von Küstenveränderungen und Schwemmlandbildungen, für die man in Ägypten ja ein großartiges Beispiel vor Augen hatte. Der Ausdruck Herodots, der Ägypten als einGeschenk des Nils bezeichnete, zeigt, daß ihm die einerseits erodierende und anderseits ablagernde Tätigkeit der Flüsse wohlbekannt war. Auch Aristoteles sowie Polybius befassen sich mit diesen Fragen und versuchen sogar die Zeiträume ungefähr zu ermitteln, innerhalb welcher gewisse Meeresbuchten und -teile zu­geschüttet werden würden. Schließlich war auch dem bekannten römischen Ingenieur Vitruv die umformende Tätigkeit des Wassers wohlbekannt.

Das Mittelalter vermochte nicht, über diese Ansätze einer Geomorphologie hinauszukommen. Es blieb dem universalen Geiste Leonardo da Vincis Vor­behalten, nicht nur den natürlichen Wasserkreislauf, sondern auch die Tätigkeit der Flüsse als Transportbänder gewaltiger Geschiebe- und Schlammassen klar erkannt zu haben. In vielen Skizzen studiert und zeichnet er Sandbänke, Wasser­angriffe auf die Ufer, Wasserwirbel und Kolke und derlei Erscheinungen mehr und klar spricht er aus: Li monti sono facti dalli corsi de fiumi; i monti son disfacti dalle piogge e dalli fiumi. (Die Gebirge sind gebildet durch die Tätigkeit der Flüsse und sie werden wieder abgetragen durch Regengüsse und durch die Flüsse.) ,,So erscheint Leonardo auch als der lange unbekannte Schöpfer der Gewässer­kunde mit der Kenntnis des Gesetzes des Wasserkreislaufes, der Bettbildung der Gewässer und der Geschiebebewegung*.

Leonardo da Vincis in zahlreichen Handschriften verstreute Erkenntnisse sind nicht Allgemeingut seiner Zeit und der damaligen Wissenschaft geworden oder

* Zitiert aus C. Reindl, Leonardo da Vinci, der Hydrauliker, W. W. 1939, S. 267.