Die bisherige Entwicklung der Geschiebetheorien und Geschiebebeobachtungen
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geblieben. Die offizielle Wissenschaft hat erst 200 Jahre später sich allmählich zu Leonardos Anschauungen durchgerungen. Als erster ist auf unserem Gebiete wohl Bernhard Varen (1622—1650) zu nennen, der in seiner „Geographia generalis“ (Amsterdam, 1650) die Arbeit der Flüsse an der Verbreiterung und Eintiefung ihrer Betten, den Geschiebetransport durch die Flüsse und die Veränderung der Grenze zwischen Land und Meer durch deren Auflandungen beschrieben hat. Reichlich phantastischen morphologischen Ansichten huldigte noch Athanasius Kircher (1601—1680). Bekanntlich hat auch Goethe sich mit diesen Fragen beschäftigt; er lehnte den sogenannten „Plutonismus“ ab, der die Gestaltung der Erdoberfläche ausschließlich vulkanischen Kräften und katastrophenartigen Ereignissen zuschrieb, schloß sich dagegen dem „Neptunismus“ an, der -— ebenso einseitig — nur die Arbeit der Gewässer an der Formung des Reliefs gelten lassen wollte.
Die moderne formenkundliche und entstehungsgeschichtliche Betrachtungsweise der Geographie nahm aber wohl erst mit James Huttons „Theory of the Earth“ (1795) und John Playfairs „Illustration of the Huttonian Theory“ (1802) ihren Anfang, die beide der Erosion und dem Geschiebetransport der Flüsse ausführliche Teile ihrer Bücher widmen.
Zum selbstverständlichen Wissensgut gehörte die Kenntnis dieser Erscheinungen bei den Wasserbauingenieuren der damaligen Zeit, so etwa bei dem bedeutenden Tiroler Techniker Josef Duile (geb. 1776 in Graun im Obervintschgau, gest. 1863 in Innsbruck), der das erste Handbuch der Wildbachverbauung schrieb. Auch dem bekanntesten der großen österreichischen Ingenieure des vorigen Jahrhunderts, Alois Ritter von Negrelli, ebenfalls einem Tiroler (geb. 1799 in Primiero, gest. 1858 in Wien), waren diese morphologischen Erscheinungen selbstverständlich genauestens bekannt; Negrelli v r ar es ja, unter dessen Leitung die Vermessungsund Projektierungsarbeiten für den Suezkanal standen, bei denen die Frage eine große Rolle spielte, w r ie die Versandung des Hafens von Port Said vermieden werden könne, die von den durch die Küstenströmungen nach Osten verfrachteten Massen des Nilschlammes drohte.
Einer exakten Messung oder gar theoretisch-rechnerischen Erfassung des Geschiebetransportes setzten sich aber noch lange große Schwierigkeiten entgegen. Schon 1786 hatte Du Buat als treibende Kraft aller Fließ Vorgänge die parallel zur Bewegungsrichtung wirkende Schwerkraftkomponente erkannt, die sich für ein Wasserprisma mit der Grundfläche „eins“, dem Raumgewicht y und der Tiefe h als
K = y ■ h‘ sin ex, (1)
berechnet, worin <x den Neigungswinkel der Sclrwerpunktsbahn bedeutet, der bei gleichförmiger Bewegung gleich ist dem Sohlen- und Spiegelgefälle; für den Sinus kann auch der Tangens gesetzt werden, wenn die vorkommenden Winkel klein sind. Mit der Verhältniszahl J kann man schreiben:
K = y • h • J. (2)
Fast hundert Jahre später erst wendete Du Boys diesen Ansatz auf die Be- wegungserscheinungen des Geschiebes an, da bei gleichförmiger Wasserbew r egung dieser treibenden Kraft eine ebenso große, aber entgegengesetzt gerichtete Reibung an der Sohle entsprechen muß, die ihrerseits, wieder in umgekehrtem Sinne, auf
Technikgeschichte, 15. Heft.
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