Aufsatz 
Die Geschichte der Technik als Lehrmeisterin / von Eduard Merlicek
Entstehung
Seite
79
Einzelbild herunterladen

Die Geschichte der Technik als Lehrmeisterin.

Von

Ministerialrat i. R. Dipl. Ing. Eduard Merlicek.

Warum ich zuletzt am liebsten mit der Natur verkehre, ist, weil sie immer recht hat und der Irrtum bloß auf meiner Seite sein kann. Verhandle ich hingegen mit Men­schen, so irren sie, dann ich, auch sie wieder und immer so fort, da kommt nichts aufs reine; weiß ich mich aber in die Natur zu schicken, so ist alles getan. Goethe.

Ein großer Gewinn der Technikgeschichte sind die Anhaltspunkte, die sie uns für die Lösungen zahlreicher technischer Probleme gibt Lösungen, die wir auf anderen Wegen gar nicht zu finden vermögen. Wer hätte z. B. daran gedacht, für die Wasserversorgung der Stadt Wien ferngelegene Hochquellen zu verwenden, wenn nicht das Vorbild des alten Roms vorhanden gewesen wäre! Kompliziert und einer theoretischen Lösung schwer zugänglich sind auch die vielfachen Probleme, die mit den Gewässern Zusammenhängen, mit ihren Grundwässern, mit dem Klima usw. Wird hier die Technikgeschichte außer acht gelassen, so kommt es zu schweren Mißgriffen, wie wir sie z. B. an zahlreichen neuzeitlichen Flußregu­lierungen beobachten können.

Ein besonders krasser Fall der Abhängigkeit eines Problems von der Technik­geschichte soll im folgenden dargestellt werden.

Die Leitha und der Neusiedler See.

Die Leitha war einst der Grenzfluß zwischen Österreich und Ungarn. Nur die beiden Ursprungsarme, die Schwarza und die Pitten, die sich südlich von Wiener Neustadt vereinigen, gehörten schon immer zu Österreich. Im Mittel­lauf bildete die Leitha auf große Strecken die Grenze, streckenweise sprang sie wieder auf österreichischen Boden über, und in kleineren Strecken gehörte sie wieder ganz zu Ungarn. Bei Gattendorf trat sie endgültig auf ungarisches Gebiet über. Seit dem Anschlüsse Westungarns, des später sogenannten Burgenlandes, gehörte die Leitha fast zur Gänze zu Österreich, nur wenige Kilometer vor der Einmündung in die Donau lagen in Ungarn.

Diesen komplizierten Grenzverhältnissen ist es wohl vor allem zuzuschreiben, daß wir an der Leitha noch heute jenen mehr oder weniger natürlichen Zustand