Aufsatz 
Die Geschichte der Technik als Lehrmeisterin / von Eduard Merlicek
Entstehung
Seite
80
Einzelbild herunterladen

80

Eduard Merlicek

vorfinden, wie ihn unsere Altvorderen hinterlassen haben. Nur streckenweise ist das Flußbett eingedämmt. Im übrigen finden wir häufig nach einer frühen, schon im Altertum bekannten Bauweise Seitenarme abgezweigt, die als Zubringer für die Bewässerung ausgedehnter Ländereien noch heute ihren vorzüglichen Dienst versehen, nebenbei aber auch als Hochwasserentlastung zu betrachten sind. Derartige Anlagen finden wir in der Umgebung von Wiener Neustadt, der Neustadt, wie sie früher hieß, einer Neugründung für die aufgelassene Grenz­festePütten. Hier in derNewenstadt hatten die österreichischen Herzoge wiederholt ihren Sitz, besonders, wenn es galt, sich gegen die kriegerischen An­griffe der Ungarn zu rüsten, und dies mag der Grund dafür gewesen sein, daß man dem unfruchtbaren Steinfeld eine erhöhte Aufmerksamkeit zuwendete.

Von alters her zweigt aus der Schwarza oberhalb Neunkirchen der Kehr hach ab, der in seinem 24 km langen Lauf künstlich verzweigt ist und ausgedehntes Wiesenland bewässert. Friedrich III., der durch lange Zeit in Neustadt resi­dierte, hat diesem Flusse durch Aushebung eines neuen Grabens (Bachstatt) einen besseren Lauf gegeben und 1453 hierüber eine eigene Urkunde ausgestellt, in der es unter anderem heißt, daß der Kaiser

oberhalb be3 ©ügfTübef einen neuen ©rabett über ba§ tmfene Stamfetb, ba feine miffmab nocf) anber§ §u mäffern tigt, auf feine Soften machen taffen, um bag in fünf fügen feiten bagfelb maffer baburcf) I)erab in feinen Tiergarten unb in bie SSorftabt rinnen foil, mie eg bet) feinen Korbern aucf) getoefen ift. £oT foil ben miffmabern ber alt ©rabett nacf) alt t)erfomen nicf)t abgenomen fetyn, fonbern bag bie Sent ang betnfelben alten ©rabett Tr tüiffmab mäffern mögen, alg offt eg not ift unb non alter fjerfomen ift, boT baff bie Sent bagfelb maffer betoaljren, bamit eg fferab niTt in bie toeege, noT in bie ©räben ber Sßorftatt ju fcfjaben flieffe, fonbern in ifjren toifen 93el)alten unb SSetoafjren füllen."

usw. Aus Boeheims Chronik von Wr. Neustadt 1 .

Aus diesem Wortlaut geht schon ein zweifacher Wert des Kehrbaches her­vor, die Wiesenbewässerung und die Versorgung eines Teiles der Neustadt mit Nutzwasser. Die Hochwasserentlastung der Schwarza und somit auch der Leitha war dem Gerinne von Natur aus eigen. Fügt man hiezu noch die später zugebaute Wasserversorgung des Wiener-Neustädter Ivanales sowie die Ver­wertung des Kehrbaches zur Holzschwemme in diesen Kanal, und bedenkt man, daß schließlich das verbleibende Überschuß-wasser noch in die wasserarme Fischa münden konnte, um hier eine Anzahl Mühlen und sonstige Wasserwerke zu versorgen, so kann wohl gesagt werden, daß die Ivehrbachanlage ein Muster­beispiel vielseitiger Wasserwirtschaft abgibt.

Der gleiche Grundgedanke, überschüssiges Wasser abzuleiten und nach Möglich­keit nutzbar zu machen, zeigt sich auch dort, wo es besonders darauf ankam, die Hochwassergefahr zu vermindern. So erfahren wir beispielsweise durch die bereits angeführte Chronik, daßim Jahre 1806 oberhalb Neudörfel zum Schutze und zur Erhaltung der auf dieser Strecke, dann unterhalb dieses Ortes an beiden Ufern des Leithaflusses liegenden Orte und Gründe, die schon im Jahre 1804 als notwendig erkannten Durchschnittskanäle auf Kosten der beiden Länder

1 Boeheim Wendelin, Ferdinand Karl Boeheims Chronik von Wr. Neustadt, Wien 1863.