Aufsatz 
Die Geschichte der Technik als Lehrmeisterin / von Eduard Merlicek
Entstehung
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Die Geschichte der Technik als Lehrmeisterin

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betrachtet, bis an den Horizont eine endlos scheinende Wasserfläche, also den Anblick des Meeres darbietet.

Aber nicht nur als Sehenswürdigkeit zur Anziehung des Fremdenverkehrs ist der Neusiedler See hervorragend. Von größter Bedeutung ist die Einwirkung der großen Wasserfläche auf das Klima.

Vermöge seiner freien, offenen Lage ist das Seegebiet allen möglichen rauhen Winden ausgesetzt. Besonders die vollständig ebene südöstliche Umgebung des Sees ermöglicht den Eintritt eines warmen, trockenen Windes, der aus der nieder­ungarischen Tiefebene herüberstreicht. Dieser Wind hat eine ausdörrende Wir­kung, die sich östlich des Seewinkels noch sehr gut beobachten läßt. Hier herrscht Steppenklima, und selbst Anpflanzungen mit Akazie, der genügsamsten aller Baumpflanzen, sind an einzelnen Straßenzügen bei Frauenkirchen und St. Andrä mißlungen. Indem aber der Wind über die große Wasserfläche des Neusiedler Sees streicht, nimmt er hier reichlich Wasserdunst auf; aus dem trockenen Steppen­winde wird ein feuchtwarmer Lu ft ström, der für die gesamte Vegetation des weiteren Umkreises von außerordentlich günstiger Wirkung ist. Schon an dem kühleren Westufer des Neusiedler Sees fällt ein Teil des Wasserdunstes als Tau nieder. Der Wind streicht aber weiter, überquert das offene Wulkatal und bricht sich am Fuße des Leithagebirges, wo er abermals Feuchtigkeit abgibt.

Diesem feuchtwarmen Luftstrom verdanken ausgedehnte Weingüter ihr prächtiges Gedeihen. Wir wollen aus ihrer Reihe nur sprungweise die mar­kantesten Punkte herausgreifen: Wolfs, Ödenburg, Kroisbach, Rust, Eisenstadt, Breitenbrunn.

Und noch eine zweite bedeutsame Wirkung hat der Neusiedler See. Durch einen ausgiebigen Wärmeausgleich verhütet er in den Übergangszeiten, im Früh­ling und Herbst, die Morgenfröste, die sonst unter den gleichen Breitegraden dem Weinbau oft so schädlich werden. Daher kann der Wein am Neusiedler See früh­zeitig seine Blüte ansetzen und unter der Sonnenwärme des Oktobers länger aus­reifen. Daher sein hoher Zuckergehalt und seine edle Qualität.

Unter dem günstigen Klima gedeihen auch viele Arten von Frühobst und Frühgemüse, die jährlich zu Zehntausenden von Zentnern nach Wien gehen, wie uns die bezügliche Statistik zeigt, dann der in den IMittelmeerländern einheimische echte Majoran (Origanum) und die Edelkastanie.

Unter den sonstigen Nutzpflanzen, die von dem Bestehen des Sees abhängig sind, ist das Schilfrohr zu nennen. In zwei bis drei Kilometer breiten Streifen ziehen sich am nördlichen Ufer undurchdringliche Schilfwälder hin von Neusiedl bis Rust und Wolfs. Das Schilfrohr bildet einen gesuchten Handelsartikel, der in Dielen- und Mattenfabriken Verwendung findet. Vielfach wird es auch als Deckstoff für Gebäude gebraucht und in neuester Zeit auch zu Platten zusammen­gepreßt, alsNeusiedler Seeplatte, zur Herstellung leichter Wände sowie zur Wärmeisolierung verwendet. Jungrohr wird als Viehfutter verwendet.

In dem Schilf nistet eine Vogel weit, die in ihrer Mannigfaltigkeit einzig ist. Vielfach wird daher der Neusiedler See auch einParadies der Vögel ge­nannt. Nach dem Ornithologen Professor Stephan Fassel, der viel Mühe und Zeit darauf verwandte, die Vögel des Neusiedler Sees zu studieren und zu sam-