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Eduard Merlicek
mein, befinden sieh 250 Vogelarten an diesem See mul im Hansäg (d. i. der Sumpfstreifen südöstlich des Neusiedler Sees).
Der ungemein große Reichtum an Wassergeflügel sowie das andere Wild im Dickicht der Rohrwälder, wo Füchse und Rehe sich verborgen halten, übte von jeher eine große Anziehungskraft auf die Jagdliebhaber aus.
Auch die Fischerei bildete ehedem eine nicht unbedeutende Einnahmsquelle für mehrere Seegemeinden. Nach Aussage der ältesten Fischer gab der See jährlich 10.000 Zentner Edelfische (Karpfen, Hechte, Schille) und etwa 15.000 Zentner verschiedene Weißfische. Bei dem geringen Wasserstande der letzten Jahre sind die Fische aus dem See geschwunden.
Schließlich, aber nicht zuletzt, ist noch anzuführen, daß der Neusiedler See im Sommer zum Baden sowie für Segel- und Rudersport sehr geeignet ist. Das Wasser erreicht im Sommer nicht selten Temperaturen bis zu 25 Grad Celsius und besitzt vermöge seines Salzgehaltes eine ähnliche Heilkraft wie das Meer. Die großen Ufergemeinden haben Badeanlagen geschaffen und auch für die Unterkunft der Fremden gesorgt, der Union-Jachtklub und andere Sportvereine erhalten hier ihre Klubhäuser. Im Winter friert der See oft ganz zu und bietet wieder Gelegenheit zu großen Segelregatten und sonstigem Eissport.
Aber — der Neusiedler See ist unbeständig; sein Wasserstand wechselt, und in längeren Zeitperioden verschwindet er ganz. Dann sind all seine Vorzüge zunichte und zunichte sind auch auf lange alle Geldmittel, die für den Fremdenverkehr, für Bäder, Unterkünfte usw. eingesetzt wurden. Zurückgeblieben ist eine weite Salzsteppe, aus der ein feiner salziger Sand, der sogenannte Zickstaub, aufsteigt, der in die umliegenden Felder verweht wird und ihre Fruchtbarkeit beeinträchtigt. Denn der Salzbestand enthält nur Natronsalze, wie Kochsalz, Glaubersalz,' Bittersalz, Soda, die alle unseren Kulturpflanzen mehr oder weniger schädlich sind.
Die örtlichen Chroniken zeigen uns das wechselvolle Bild des Neusiedler Sees recht deutlich. Wir folgen hier hauptsächlich den Ausführungen P. Winklers 3 .
Aus mehreren Urkunden erkennen wir, daß am Ufer des Neusiedler Sees bereits im 13. Jahrhundert die Gemeinden Winden, Breitenbrunn, Podersdorf, Illmitz usw. lagen. Man kann daraus auf die damalige Größe des Sees schließen, die seiner heutigen Größe und mittleren Ausdehnung von 300 bis 350 Quadratkilometern entsprochen hat.
In der Urkunde vom Jahre 1318, auf Grund deren König Karl Robert von Ungarn der Abtei Heiligen kreuz das Gut Zechern schenkte, wird der See ein Fluß genannt. Es scheint, daß der See in jener Zeit größtenteils ausge- tro.knet war und infolgedessen nur einen schmalen Wasserstreifen zeigte, der einem Fluß glich.
Im 16. Jahrhundert nennen einige Schriftsteller den Neusiedler See einen großen See. Aventinus gibt in seinen „Anales Boiorum“ vom Jahre 1501 auch schon Maße an, indem er sagt: „Die Länge des Sees beträgt 45.000, die Breite 15.000, sein Umfang aber 100.000 Schritte.“ Heute beträgt die Seelänge 35 Kilo-
3 P. Winkler Adalbert E., Stiftsgutverwalter und Pfarrer: Die Cisterzienser am Neusiedler See und die Geschichte dieses Sees. St. Gabriel bei Mödling 1923.