Aufsatz 
Präzisions-Zeitmessung in der Vor-Huygensschen Periode / Hans von Bertele
Entstehung
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Hans y. Bertele.

wiegende grundsätzliche Nachteile. Um damit eine hohe Ganggenauigkeit zu erzielen, müssen die freien Bogen und Preigabewinkel peinlich genau eingestellt und eingehalten werden; daher erforderten die Kreuzschlaguhren sehr gute Werk­mannsarbeit und viel mechanisches Verständnis für die Justierung. Ohne Spezial­schulung erscheint weder die Herstellung noch die richtige Einstellung derselben möglich. Dies waren zweifelsohne die Gründe, warum Kreuzschlaguhren schon vor der Einführung der Pendeluhren so selten waren. Der aber letzten Endes unbedingt gegen eine allgemeine Verbreitung des Kreuzschlages sprechende Grund ist die Tatsache, daß der Kreuzschlag doch ein aperiodisches System ist, welches zwangsläufig unter den Einflüssen der Umgebung leidet. Altern der Schmier­stoffe, Abnutzung der Triebe und Zapfen oder Hebellängenänderungen infolge Temperaturschwankungen müssen sich unweigerlich in starken Gangfehlern aus- drücken. Dies sind Probleme, welche durch die rein mechanische Perfektion des Kreuzschlages nicht gelöst werden können. Es ist wenig wahrscheinlich, daß Burgi z. B. Längenänderungen durch Temperatureinflüsse zum Bewußtsein gekommen ist. Eine systematische Ausschaltung der umgebungsbedingten Ein­flüsse, die für erhöhte Präzision in der Zeitmessung entscheidend ist, war dem Beginn des kommenden wissenschaftlichen Zeitalters Vorbehalten. Huygens und Robert Hooke haben durch Einführung des Pendels und der heute üblichen Unruhen die grundsätzlichen Fehler jedes aperiodischen Gangsystems eliminiert. Auf dieser Basis hat die hervorragende Werkmannsarbeit der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts aufstrebenden englischen Uhrmacherei, mit Tompion, Clement und Graham an der Spitze, die neuen Ideen wirklich brauchbar gemacht und rasch verbreitet. Aus dieser Zeit stammt der große Ruf derenglischen Uhr. Zu diesem Kreis gehört auch noch das Genie eines Harrison, der in jahrzehnte­langer Besessenheit die recht unzugänglichen Einflüsse der Umgebungstempe­ratur und der Rückwirkung des Hemmungsmechanismus auf die Eigenzeit des Gangsystems soweit ausgeschaltet hat, daß schließlich sein Chronometer den für damalige Verhältnisse fast märchenhaft hohen Preis von 20000 engl. Pfund ge­wann, gleichzeitig aber damit der englischen Schiffahrt ein außerordentlich wert­volles Hilfsmittel zum Wettbewerb zur See zur Verfügung stellte.

Trotz der späteren großen Weiterentwicklung ist die Hilfe, die der von Burgi entwickelte Kreuzschlag den Astronomen seiner Zeit gegeben hat, leicht zu ver­stehen. Tycho Brahes Uhren vom Hradschin sind verlorengegangen und irgend­welche besondere Angaben von Tycho oder Keppler hierüber sind uns nicht bekannnt. Doch gibt es eine Bemerkung von Johannes Hevelius, eines nam­haften Astronomen des 17. Jahrhunderts, die uns zu verstehen gibt, daß vor der Einführung des Pendels die Kreuzschlaguhren als die genauesten Zeitmesser betrachtet wurden. Hevelius (21) schreibt:...jedoch hatte ich nie Gelegenheit, irgendeine Uhr zu finden, auch nicht eine mit einer kreuzweise arbeitenden Doppel- Balance (liberamentum duplice), die überhaupt keine Unregelmäßigkeit gehabt hätte. G. H. Baillie, zweifellos einer der besten Kenner alter Zeitmeßvorrich­tungen und ihrer Entwicklung, kommentiert dies (22) folgendermaßen:Ich kann mir nicht vorstellen, was kreuzweise arbeitende Doppelbalance bedeuten soll; es könnte höchstens ein anderer Name für ein Foliot sein, bei dem zwei Hebel