Heinrich QuirinG: Zur ältesten Geschichte des Bernsteins.
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Interesse so sehr in Anspruch, daß der Bauer und Viehzüchter kein Schmuck- bedürfnis mehr hatte. Auch Stein-, Bein- und Hornwerkzeuge zeigen bis auf ganz wenige Ornamente reine Zweckform.
Die Schmuckablehnung hielt sich nördlich der Alpen und Pyrenäen bis in die Jungsteinzeit hinein. Erst um 2000 v. Chr. treten in Großbritannien Bernsteinanhänger in Form durchbohrter Steinhämmer auf (Reallex. d. Vorgesch. IV, 2, S. 544). Der Frühbronzezeit um 1600 v. Chr. gehören die 5 Bernsteinbeile von Hordum in Thyland (= Teutonenland, Nordjütland, W. Schulz 1949) an. Auch der Ostseebernstein diente damals als Schmuck, wie der bei Schwarzort aus dem Ivurischen Haff gebaggerte Pferdekopfanhänger zeigt. Dennoch bleibt im Norden
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Bild 1. Zwei Skarabäen aus schwarzem (gealtertem) Bernstein. Belagstücke der Mumie des Tutanchamon. Nach Carter.
der Steinschmuck selten. Am Mittelmeer, in Ägypten und Vorderasien stellte sich dagegen mehr und mehr der Wunsch nach glänzenden und farbigen Schmucksteinen ein. Im 4. und 3. Jahrtausend wurden undurchsichtige, gut polierbare bunte Steine, so der grüne Amazonenstein, Malachit, Jaspis und Türkis, der rote und rotbraune Karneol, Sarder und Jaspis, der blaue Lapislazuli und die gestreiften Achate und Onyx begehrt. Als erste durchsichtige Steine trug man den wegen seines Irisierens bewunderten Bergkristall und den violetten Amethyst. Bernstein fehlt in Ägypten unter den Steinschmuckfunden vor dem 2. Jahrtausend v. Chr. In Mesopotamien haben sich dagegen in archaischen, also vor- akkadischen Schichten (vor 2358 v. Chr.), unter dem Tempelturm von Assur Bernsteinperlen gefunden, über die Herkunft des Bernsteins hat sich bisher nichts ermitteln lassen. Erst im Grabe des Tutanchamon (1358 bis 1351) lagen viele Schmuckstücke aus Bernstein: ein Fingerring, ein Haarring, zwei Skarabäen, eine Halskette aus 55 Bernsteinperlen, eine Halskette aus abwechselnden Bernstein- und Lapislazuli-Perlen, ein Paar Ohrringe mit Bernstein- und Goldperlen. Der Bernstein erwies sich bei der Untersuchung als sehr mürbe, im durchfallenden Licht dunkelrot, im auffallenden fast schwarz. In Alkohol und Azeton war
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