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Heinrich Quiring: Zur ältesten Geschichte des Bernsteins.
Daß aber auch im 1. Jahrtausend keineswegs aller nach Yorderasien verhandelte Bernstein von der Nord- oder Ostsee kam, hat die Identifizierung der im Brustschild des jüdischen Hohenpriesters eingesetzten Edelsteine (2. Mos. 28, 17 bis 20 u. 39, 10 bis 13) ergeben. Unter diesen Steinen ist der 7. hebräisch als lesem bezeichnet. Wenn auch im neuesten Wörterbuch 16 lesem als „unbestimmbarer Edelstein“ bezeichnet ist, so spricht doch sehr vieles dafür, daß es sich um Bernstein gehandelt hat. In der Septuaginta ist lesem mit ligyrion, in der Vulgata mit ligurius übersetzt. Es liegt also nahe, diesen Stein in Ligurien zu lokalisieren. Der einzige kostbare Stein, den Ligurien im Altertum lieferte, war der nach Bombicci bei Bologna, Scanello, Castel S. Pietro, Riole de Savignano und Modena gewonnene rötlichgelbe Bernstein (Theophrast: De lap. 28. u. 53: Plinius: Hist. nat. 37, 42). Bis ins 6. Jahrhundert v. Ohr. erhandelten die Phönizier diesen Bernstein im Golf von Genua.
Noch im 4. Jahrhundert v. Chr. war der ligurische Bernstein Hauptrohstoff für die hervorragende etruskische Bernsteinmanufaktur in Vetulonia. Von Yetulonia wurde der nahe Orient, später auch Hellas mit Bernsteinschmuck und -Schnitzereien beliefert. Es sei an die künstlerisch hervorragende etruskische Bernsteinschnitzerei aus Ancona der Sammlung De Morgan 17 erinnert. Auch Strabo hat angegeben, daß in Ligurien viel Lynkourion vorkomme, das auch Elektron (Bernstein) genannt werde, kleine Schnitzel anziehe und wohlriechend sei. ln den Gräbern von Hallstatt hat man fehlerfrei auf der Drehbank gedrechselte bis 2 V 2 cm dicke rote, selten gelbe, Bernsteinkugeln gefunden. Da es in Norddeutschiand damals sicher keine Drehbank gab, wird man auch diese Kugeln als etruskische Arbeit und den Bernstein als aus Ligurien stammend anzusehen haben. Die ursprünglich nach der Ähnlichkeit mit dem Sonnenglanz auf Hellgold (Rohgold) angewandte Bezeichnung Elektron 18 war seit Herodot (Hist. 3,115) auf Bernstein übertragen worden. Daß man schon sehr früh die von Aristoteles und Plinius vertretene richtige Auffasung vom pflanzlichen Ursprung des Bernsteins hatte*, läßt sich aus der Sage entnehmen, daß nach dem Sturz Phaetons, des Sohnes des Sonnengottes, dessen Schwestern in Lärchenbäume verwandelt worden seien, deren Tränen zu dem sonnenglänzenden Bernstein erhärteten.
16 L. Koehler : Lexicon in Veteris Testamenti libros. Leyden 1950, S. 487.
17 H. Gressmann : Altorientalische Bilder zum Alten Testament. 2. Aufl Berlin und Leipzig 1926. Taf. 89, Fig. 206.
18 H. Quiring: Geschichte des Goldes. Stuttgart 1948, S. 95.