Johannes Mathesius und der Bergbau.
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Bedeutung der „Sarepta“.
Die Bedeutung der „Sarepta oder Bergpostill“ für die Gegenwart liegt nicht darin, daß von Johannes Mathesius, dem Zug der damaligen Zeit entsprechend, bergmännische Predigten verfaßt und seinen Bergleuten in Joachimsthal im Verlauf von neun Jahren (1553 bis 1562) vorgesetzt wurden, sondern sie ist weitaus tieferliegend 8 . I >ie wenigen Exemplare der „Sarepta“, die heute noch vorliegen, beinhalten vielmehr in ihren 16 Predigten einen sehr bedeutenden kulturgeschichtlichen Querschnitt durch die Welt der Technik um die Mitte des 16. Jahrhunderts, u. zw. in einer volkstümlich-packenden Form. Jene ist deshalb so anziehend für den Techniker von heute, der sich auch etwas mit der Entwicklung seiner Wissenschaft beschäftigt, weil das damalige Denken einerseits noch ganz unter dem Einfluß der Lehren des Aristoteles und unter dem Bann mittelalterlicher Astrologie und Alchimie stand, anderseits aber doch schon einige Keime zeigte, die durch die späteren bahnbrechenden Entdeckungen eines Galilei, Kepler, Newton und Huygens im Lauf des nun folgenden Jahrhunderts zur Entfaltung kommen sollten. So vermitteln die Predigten des evangelischen Pfarrers Johannes Mathesius aus der alten böhmischen Bergstadt Joachimsthal nicht nur einen Überblick über den Stand der mittelalterlichen Technik, insbesondere des Bergbaus, sondern unterrichten auch über den damaligen Stand der Naturwissenschaften in einprägsamer Weise. Technische Erfindungen und die Arbeitsvorgänge und die Arbeit selbst, wiederum insbesondere im Erzbergbau, drangen damals noch — da der Mensch mit seiner Arbeit aufs engste verbunden war — in das Kulturbewußtsein des Volkes ein und faßten dort festen Fuß. Sie halfen mit bei der Prägung der Kultur. Dies zeigt sich insbesondere in dem nachhaltigen Einfluß der Technik, vor allem des Bergbaus, auf die Gestaltung unserer Sprache, auf das enge Bündnis zwischen Wort und Werkzeug 2 .
Denn gerade der deutsche und österreichische Bergbau im ausgehenden Mittelalter, im 15. und 16. Jahrhundert, mit seinen zahlreichen technischen Neuerungen und maschinellen uifd metallurgischen Erfindungen war um diese Zeit eine sehr bedeutende sprachschöpferische und spracherhaltende Kraft, was nicht weiter zu verwundern ist, wenn man die enge Verbundenheit zwischen dem Kulturfortschritt der Menschheit einerseits und dem jeweiligen Stand der Metallgewinnung und Metallverarbeitung anderseits, also der Bergbau- und Hüttentechnik, denkt. Zu den Dokumenten, die dies nachweisen, gehören vor allem drei Bücher, nämlich: Georg Agricolas „Bergwerksbuch“ und das von unbekannter Hand, vielleicht von Ludwig Lässl, verfaßte „Schwazer Bergbuch“, beide aus dem Jahr 1556 stammend, sowie die „Sarepta oder Bergpostill“ des Johannes Mathesius aus dem Jahr 1562. Die „Sarepta“ und die Bedeutung des Joachims- thaler Bergpredigers Mathesius anläßlich der 450. Wiederkehr seines Geburtstages den Bergleuten der Gegenwart und allen an der Technikgeschichte interessierten Menschen wieder etwas näherzubringen, sollte die Aufgabe vorstehender Zeilen sein.
8 Die ältesten bergmännischen Predigten stammen von Johannes de Paeta, Celi- fodina („Himmelsgrube“), Erfurt 1503, und sind lateinisch abgefaßt. Weiters: W. Heise, Geistliches Bergwerk. Der Anschnitt 5 (1953), Heft 4/6, S. 13.