Heft 
1954: Sechzehntes Heft
Entstehung
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Technikgeschichtliche Bücherschau.

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wähnen im Rahmen dieser Bücherschau ist die darin enthaltene Geschichte der Haller Münze vom Jahre 1450 bis zu ihrer Aufhebung im Jahre 1805.

Einen Beitrag zur jüngsten Industriegeschichte dagegen liefert Fritz Ter Meer mit seinem Bericht über eines der größten Industrieunternehmen der Welt, die I. G. Farben. 12 Es ist sicherlich von Interesse, ihre Entwicklung von ihren ersten Anfängen als Folge eines Memorandums aus dem Jahre 1903, das Carl Duisberg (ein damaliges Vorstandsmitglied der Farbenfabrik Bayer) nach einer Amerikareise verfaßt hat, bei der er unter anderem die Trustbildung studierte, bis zu ihrer Auflösung auf Grund einer Verordnung der Militärregierung zu ver­folgen. Das Buch führt in wirklich ausgezeichneter Weise die Betriebsführung, die Fabrikationssparten und ihre Entwicklung, den Aufstieg und zwischen den Zeilen auch die Gründe für den Aufstieg vor Augen. So waren z. B. von den 3750 Akademikern rund 1000 mit Forschungs- und Entwicklungsarbeiten beschäf­tigt. Für die soziale Einstellung seien die Worte einer maßgebenden Persönlichkeit der I. G. Farben zitiert:Ich sehe eine viel größere moralische Verpflichtung darin, den 125.000 Menschen ... eine gesicherte Existenz zu gewährleisten, als ... einfach immer wieder Dividenden auszuschütten soweit als möglich. Der Zweck des Buches, der vollkommen erfüllt wird (mag man zur I. G. Farben stehen wie man will), ist am Ende formuliert: Es sollte offen klargestellt werden, welche Bedeutung dieses Industrieunternehmen durch seine Fortschritte auf wissenschaftlichem, technischem und sozialem Gebiet für die ganze Welt hatte.

Von den neu erschienenen Biographien ist besonders spannend und packend die des amerikanischen Großindustriellen Walter P. Chrysler . 13 In Form eines Erlebnisberichtes wird in diesem Buch sein Aufstieg vom Kehr jungen in einer Lokomotivwerkstätte über den Schlosserlehrling bis zum Autofabrikanten erzählt. Das Geheimnis seines Erfolges? Dieser Mann hatte ein ungeheuer feines Gefühl für das, was man eine Chance zu nennen pflegt. Und er hat jede seiner Chancen wahrgenommen, wobei er persönlich oft das größte Risiko in Kauf nahm. Aber seiner Verantwortung für das ihm an vertraute Ver­mögen war er sich jederzeit bewußt. Immer war er auf der Suche nach besseren Fabrikationsmethoden, stets kaufte er die besten Werkzeugmaschinen. Die ameri­kanische Originalausgabe trägt die WidmungFür Deila. Und diese seine Frau und Weggefährtin war es auch, die ihm Rückhalt und Ansporn in jeder Lage seines Lebens gab. Wir erleben nicht nur Chryslers meteorhaften Aufstieg, sondern auch die Krise, die seine Fabrik durchzumachen hatte und bei der er in allen Abteilungen einschneidende Einschränkungen vorgenommen hat, mit einer Ausnahme: das Budget der Forschungsabteilung wurde nie gekürzt. Chrys­ler schreibt darüber:Jeder moderne Industrielle weiß und wird verstehen, warum das so sein muß. Es wäre wohl wünschenswert, daß dieser Grundsatz eines amerikanischen Geschäftsmannes auch in mehr europäischen Großunter­nehmen Eingang finden würde.

12 Fritz Ter Meer :Die I. G. Farben-Industrie-Aktiengesellschaft, ihre Ent­stehung, Entwicklung und Bedeutung. Düsseldorf 1953, Econ-Verlag.

13 Walter P. Chrysler, in Zusammenarbeit mit Boyden Sparkes :Mein Weg und Aufstieg. Hattingen 1950, Hundt-Verlag.