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Jakob Baxa
aus, alle Akten wurden vernichtet, nur die Buchhaltung und der Geldbestand in den eisernen Kassen konnten gerettet werden.
Aber den schwersten und unersetzlichsten Verlust erlitt die Gesellschaft in jenen Tagen durch den Tod ihres Betriebsführers Richard von Skene jun. Er war schon der Vertreter der dritten Generation, den Dr. Skene, nachdem sein älterer Sohn früh verstorben war, zu seinem Nachfolger heranzog. Richard von Skene jun., im Familienkreis Dicky genannt, wurde am 5. Mai 1909 zu Wien geboren und erhielt seine Gymnasialbildung am Theresianum, jener angesehenen Lehranstalt, die aus der von der Kaiserin Maria Theresia gegründeten Ritterakademie hervorgegangen war. Nach abgelegter Reifeprüfung machte er seine große Tour ins Ausland, nach England und Deutschland, wo er an den Universitäten von Oxford, Hamburg und Berlin Vorlesungen über Volkswirtschaftslehre hörte. Aber es war nicht seine Absicht, das Hochschulstudium zu ergreifen, sondern es drängte ihn nach praktischer Tätigkeit. Schon 1930, im Alter von 21 Jahren, trat er in die Firma ein, wo er an seinem Vater den besten Lehrmeister fand. Wegen seiner glänzenden Begabung, die er sofort im Geschäftsleben bewies, wurde ihm schon 1931 die Prokura verliehen und 1936 wurde er in die Direktion gewählt. In der Direktionssitzung vom 29. Juli 1938 wurde er im Sinne der deutschen Rechtsvorschriften zum Betriebsführer der Wiener Zentrale und der beiden Fabriken Leopoldsdorf und Dürnkrut ernannt. Dadurch erwuchs ihm ein außerordentlich umfangreicher Aufgabenkreis, den er mit jugendlicher Tatkraft bewältigte. Als Leiter der reichdotierten Wohlfahrtseinrichtungen der Gesellschaft hat er niemals das Ansuchen eines Arbeiters oder Angestellten abgeschlagen, er wußte auch, den modernen Anforderungen der Zeit entsprechend, das Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter als gemeinsamen Dienst an einem gemeinsamen Werk zu gestalten, und als er einst bei einem Fabriksball den Tanz mit einer einfachen Arbeiterin eröffnete, hat er durch diese kleine Courtoisie, die stürmisch bejubelt wurde, die alte Klassenkampfideologie in den Herzen der Arbeiter restlos überwunden. Richard von Skene jun. war gleichzeitig Leiter der Wirtschaftsgruppe Zuckerindustrie der österreichischen Fabriken. Als solcher mußte er in zahlreichen Vorsprachen bei der Hauptvereinigung der deutschen Zuckerwirtschaft in Berlin alle Anliegen, Beschwerden und Wünsche der österreichischen Zuckerindustrie persönlich vortragen, er hat auch immer alles durchgesetzt und sich so um die gesamte österreichische Zuckerindustrie in der schweren Kriegszeit außerordentlich verdient gemacht. Er hat in den Apriltagen des Jahres 1945 in den Kämpfen um Wien den Heldentod erlitten.
Außer ihm sind, ähnlich wie im ersten, so auch im zweiten Weltkrieg zahlreiche Angestellte und Arbeiter der Gesellschaft, deren Namen heute durch Gedenktafeln in den Fabriken der Nachwelt überliefert werden, auf dem Felde der Ehre gefallen. Sie kämpften und starben und liegen auf allen Schlachtfeldern der Erde und auf dem Grunde des Meeres begraben: ,,wie das Gesetz es befahl“.
Dem Wiederaufbau der zerstörten Werke stellten sich zunächst die größten Schwierigkeiten entgegen. Im Anschluß an die letzten kriegerischen Ereignisse war ein vollständiger Wirtschaftsstillstand eingetreten, es fehlte zunächst an allen Transportmitteln und an der Möglichkeit, für die zerstörten oder schwer beschädigten