Die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken-Actiengesellschaft 29
Ganz zum Schlüsse möge eine noch oft erörterte Frage behandelt werden. Alle übrigen österreichischen Zuckerfabriken, die Brücker, Ennser, Hohenauer, Siegendorfer und Tullner führen in ihrem Firmen Wortlaut ihren Standort, den sie niemals gewechselt haben. Das war nicht immer so. Die Ennser hieß ursprünglich Ober- österreichische und die Tullner Niederösterreichische Zuckerfabriks A. G. Im Gegensatz dazu firmiert die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. nicht nach ihren heutigen Standorten Leopoldsdorf und Dürnkrut, sondern nach ihren ehemaligen, die heute beide in der Tschechoslowakei liegen. Daher hat man die Firma nach 1918 oft mit der tschechoslowakischen Lundenburger Zucker-, raffinerie A. G. verwechselt und irrtümlich selbst für ein tschechoslowakisches Unternehmen gehalten. Es ist richtig, das widerspricht offen dem eigenen Generalversammlungsbeschluß vom 27. Juli 1871, wonach der Wirkungskreis der Gesellschaft auch in der Firma ersichtlich sein soll. Aber die Firma hat niemals daran gedacht, ihren Namen zu ändern. Der erste Grund ist rein nüchtern und entspricht altem Kaufmannsgebrauch. Es gibt alte solide Firmen, die schon Jahrhunderte denselben Namen tragen, obwohl das Geschlecht der ursprünglichen Inhaber längst ausgestorben ist und der jetzige Besitzer ganz anders heißt. Seit 1873 kotieren die Aktien der Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. an der Wiener Börse. Sie sind ein Begriff der Solidität und ein beim Publikum sehr beliebtes Papier. Was 80 Jahre recht und billig war, soll auch in Zukunft so bleiben. Der zweite Grund ist ein idealer, es ist die Ehrfurcht der Firma vor ihrer eigenen Geschichte und Vergangenheit. So wie etwa die alten deutschen Kaiser bis zum Untergang des Heiligen Römischen Reiches im Jahre 1806 und nach ihnen noch die vier Kaiser von Österreich bis 1918 den von Friedrich II. im 13. Jahrhundert angenommenen Titel eines „Königs von Jerusalem“ führten, obwohl dieses Königreich längst wieder verlorengegangen war, ebenso führt die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken A. G. in ihrem Firmen Wortlaut zwei Orte, die einst zu Österreich gehörten, aber dann an die Tschechoslowakei, an ein fremdes Land, fielen und nennt sich nach zwei Fabriken, von denen die erste schon seit einem halben Jahrhundert, die zweite seit einem Vierteljahr hundert überhaupt nicht mehr existiert. Es ist für die Firma zugleich eine Erinnerung an jene schöne Zeit, wo die Schiffe der österreichischen Handelsmarine auf allen sieben Weltmeeren den Leipnik-Lundenburger Zucker in die entferntesten Länder verfrachteten, wo die Fabriksmarke auf allen Weltmärkten bekannt und hochgeachtet war, während sie heute nur der heimische Kaufmann und die österreichische Hausfrau kennt. Wer die Geschichte der Firma studiert hat, wird es verstehen, daß sie auch für alle Zukunft an ihrem ursprünglichen Namen festhalten wird.
Benützte Schriften
Edmund Kutschera: Der Centralverein für Rübenzuckerindustrie in der österr.-ung. Monarchie. Wien 1904.
Edmund Bernatzik: Die österreichischen Verfassungsgesetze, 2. Aufl. Wien 1911. Siegmund Ziegler: Die Zuckerproduktion der Welt und ihre Statistik, 2. Aufl. Brünn 1912.
Verhandlungen der vom k. k. Handelsministerium veranstalteten Kartellenquete, I. Zuckerindustrie, Wien 1912.