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Franz Kirn batjer
gedacht, sondern den Entwicklungsgedanken klar erfaßt. Wenn er an weite Zeiträume denkt, so hat er damit eine kopernikanische Tat vollbracht. Er hatte hierbei zwar noch kein festes System, aber neue Wege angebahnt und jedenfalls seinen weiten und umfassenden Blick für das große Geschehen in der Natur bewiesen.
Über seine Einstellung zur Gesteinslehre, vom geologischen Standpunkt aus — Aufbau der Erdrinde und die dabei zu beobachtende Bedeutung der Steine —, ist zu sagen, daß Agricola als Aufbaumaterial für die Erdrinde vier Hauptgruppen unterscheidet: Marmor, tonige und mergelige feste Arten, Kiesel und Felsen. An anderen Stellen sieht sein Gesteinssystem wieder etwas anders aus, indem es offenbar für die praktischen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Er unterscheidet dann Sandstein, Mühlstein, Schiefer und Kalkstein. Stratigraphische, also schichtenmäßige Unterscheidungen kennt er jedoch kaum, doch versucht er, in bahnbrechender Weise zu einer Ordnung der Gesteinsarten zu gelangen.
Über den Aufbau der Erdkruste schreibt Agricola im Dritten Buch seines „Bergwerksbuches“ und behandelt, obwohl er wesentlich Mineraloge und Bergmann ist, die Frage nach dem Verhältnis von Gängen (Flözen) und anderen ihnen ähnlichen Lagerstätten. Erstere ziehen sich kilometerlang durch andere Gesteinsarten, in „Lagerstätten“ treten bestimmte Minerale oder Gesteinsarten gehäuft auf.
Agricola hatte also deutlich ein Verständnis für den Unterschied zwischen Gängen (Lagergängen und auch Flözen) und anderen Lagerstätten. Damit schuf er aber auch eine einwandfreie Grundlage für die heutige sogenannte „Formationslehre“, also die Lehre von den Gesteinslagerungen, die dann Johannes Mathesius, der bedeutende Nachfolger Agricolas in der Deutung und Erforschung bergmännischmineralogischer Verhältnisse und Erscheinungen, weiter ausbaute.
Faßt man die Bedeutung Agricolas für die Geologie seines Heimatlandes Sachsen zusammen, so kann gesagt werden, daß er zwar auf diesem Gebiet noch kein geschlossenes Bild schaffen, aber einen guten Grund hierfür legen konnte.
Was aber Agricolas Bedeutung für die allgemeine Geologie anbelangt, so kann festgestellt werden, daß er die physikalische Geologie geschaffen hat, das heißt jene, die nach streng wissenschaftlichen Gesichtspunkten vorgeht, und die bisher nicht bekannten Begriffe der Bewegung, Verwerfung, des Gebirgsdruckes und der Mineralchemie herauslöste und ins klare Licht der Erkenntnis stellte.
Auf dem Gebiet dessen, was wir heute Bergbaukunde nennen, leistete Agricola Einmaliges und Vorbildliches. Alles Wissen seiner Zeit war im „Bergwerksbuch“ so sorgfältig zusammengetragen und so objektiv verarbeitet worden, daß das Werk mehrere Auflagen erlebte und bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts benutzbar blieb. Die gegenwärtig übliche Einteilung in Minerlogie, Geologie und Bergbaukunde stammt nicht von Agricola, sie hat erst Werner seinem Gesamtwerk zugrunde gelegt, wobei er die Geologie als Geognosie (Erkenntnis der Erd Verhältnisse) bezeichnete.
Das Werk „De re metallic a“ ist mit 273 außerordentlich eindringlichen Holzschnitten versehen, die zum größten Teil von Manuel Deutsch und Basilius Wefring stammen und technische Einzelheiten aller im Bergbau und Hüttenwesen um die Mitte des 16. Jahrhunderts gebräuchlichen Werkzeuge, Maschinen und Einrichtungen wiedergeben. Als Frühdruck technischen Schrifttums ist dieses Buch einzig dastehend.