Die Wiederaufrichtung der Stubaier Kleineisenindustrie.
129
und Hüttenwesen im Stubai immer mehr zurückgingen, 1 hatte die Kleineisenindustrie schon ausreichende Handelsbeziehungen für ihren Weiterbestand gefunden.
Die leicht verwertbare Wasserkraft des Schlickerbaches mit rund 500 Sekundenlitern bei 10 bis 15% Gefälle im Mittelläufe veranlaßte die Zusammenziehung der Kleineisenindustrie in und bei Fulpmes, dessen Lage für den Absatz der Waren seinerzeit nicht ungünstig war; führt doch die uralte Brennerstraße nur mäßig entfernt im benachbarten Wipptale vorbei, und das eisenarme Gebiet südlich der Alpen bildete sicher ein großes Absatzgebiet.
Ende des 17. Jahrhunderts hatte die Kleineisenindustrie schon einen beträchtlichen Umfang erreicht, und der Absatz erstreckte sich bis nach Süd- und Mitteldeutschland. Ungefähr um die Mitte des 18. Jahrhunderts traten dann die sogenannten „Stubaier Handelskompagnien“ auf, die durch ihre gute genossenschaftliche Organisation den Erzeugnissen ihres Tales Verbreitung in weiten Gebieten verschafften; auch viele Anregungen zu neuen Schmiedeerzeugnissen kamen durch sie nach Fulpmes. Niederlassungen dieser Handelskompagnien befanden sich in den wichtigsten Städten Österreichs, Süd- und Mitteldeutschlands sowie der Schweiz. Auch Ungarn, Rußland und der Balkan werden bereits als Absatzgebiete genannt.
Aus den Handelskompagnien entwickelten sich in Fulpmes zu Ende des 18. und anfangs des 19. Jahrhunderts Handelshäuser, die sich durch Generationen vererbten. Zumeist betrieben diese Handelshäuser („Verleger“) auch eigene Hammerwerke, sie belieferten ferner die ortsansässigen Schmiede mit Rohstoffen, und erlangten schließlich ein derartiges wirtschaftliches Übergewicht, daß die Schmiede von ihnen nahezu vollständig abhängig wurden. Lange Zeit hindurch w r ährte zwischen der größten Verlegerfirma, dem Hause Pfurtscheller, dessen Gründer, Michael Pfurt- scheller, ein Kampfgenosse Andreas Hofers war, und den Schmieden ein altväterliches Verhältnis. Durch diese Firma kamen viele Aufträge nach Fulpmes, sie führte technische Verbesserungen und manche neue Artikel ein, und ließ in absatzschwachen Zeiten viel auf Lager arbeiten.
Solange ausreichender Absatz für die Stubaier Waren vorhanden war, und die Verleger daher entsprechende Warenübernahmspreise an die Schmiede zahlten, empfanden diese die Abhängigkeit von den Verlegern keineswegs als drückend. Dies änderte sich jedoch, als die Stubaier Industrie durch die reichsdeutschen Werke, besonders in Remscheid und Solingen, und die nordfranzösische und englische Konkurrenzindustrie überflügelt wurde. Diese Konkurrenzindustrien hatten an sich schon die Nähe der Bezugsquellen für Eisen und Stahl voraus. Als nun auch die früher als Brennstoff ausschließlich angewendete Holzkohle seltener und daher teurer wurde, griff man zur Steinkohle und zum Koks, die unweit von den Hauptsitzen der westeuropäischen Kleineisenindustrie gewonnen wurden. Die Stubaier Industrie mußte dagegen ihre Rohstoffe w'either beziehen und zwar Kohle und Koks aus Schlesien, Mähren oder Westfalen, Eisen und Stahl aus Steiermark oder Kärnten. Dazu kam noch, daß die westeuropäische Konkurrenz viel früher die Vorteile des
1 Alte Quellen bezeichnen Bergstürze als Ursache; vermutlich war aber auch die Schwierigkeit einer ausreichenden Beschaffung der Holzkohle schuld.
Geschichte der Technik, II. 1.
9