Heft 
1932: Erstes Heft
Entstehung
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Die Wiederaufrichtung der Stubaier Kleineisenindustrie.

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ihrem Gefolge schwere Hämmer mit hohem Hub, und Pressen Eingang fanden, die das Schmieden in geschlossenen Gesenken ermöglichten, und als ferner auch neu- zeitige Werkzeugmaschinen in der Kleineisenindustrie angewendet wurden.

Wichtige Verbesserungen erfuhren ferner das Schleifen und Polieren in England und in Solingen und Remscheid. Dort wurde der Schleifer in ein regelbares Gestell vor den Stein gesetzt, und er drückte beim Solinger Knieschliff das in einem Schleif­holz gehaltene Werkstück mit den durch hölzerne hohe Schleifschuhe geschützten Knien gegen den Stein, wodurch bei weitaus günstigerer Stellung ein genauer und rascher Schliff erreicht wurde. Als Schutz für den Schleifer bei einem allfälligen Zerspringen des Steines wurde dessen Ummantelung mit starkem Wellblech ein­geführt. Die Polierzeuge erfuhren ebenfalls außerordentliche Verbesserungen. Das Walroßleder fand mit Vorteil als Scheibenbelag auf der Stirnseite bei der Solinger ,,Pliesscheibe Anwendung, wodurch sich bei Messerwaren und verwandten Artikeln leichter ein schöner gerader Strich erzielen ließ. Auch das schwierige Härten der Stahlwaren wurde durch die Einführung von Härteöfen wesentlich erleichtert.

Diese technischen Verbesserungen hatten gegen das Ende des verflossenen Jahrhunderts eine so große Überlegenheit der westlichen Kleineisenindustrie über die Stubaier zur Eolge, daß manche österreichischen Erzeugnisse von den ausländi­schen Sch miede w-aren sogar im Inland aus dem Eelde geschlagen wurden . 1

Die großen Eulpmeser Verlegerfirmen mußten zur Bekämpfung der Konkurrenz mit ihren Verkaufspreisen herabgehen, was natürlich auch ein Herabdrücken der von ihnen an die Schmiede gezahlten Übernahmspreise zur Folge hatte. Die meisten Schmiede wuhrten sich dagegen durch flüchtige Arbeit oder durch Verwun­dung minderen Stahles und trugen so zur Verschlimmerung des Übels bei. Da die Verleger die Verkaufspreise für die Rohstoffe, die sie den von ihnen abhängigen Schmieden lieferten, hoch hielten, so wurde die Unzufriedenheit und Verzagtheit der Schmiede immer größer, besonders w r eil der Absatz immer weiter sank. Und so drohte dieser alteingesessenen Industrie der völlige Untergang.

Die schulmäßige und die technisch-wirtschaftliche Gewerbeförderung.

Die Bedeutung der Stubaier Kleineisenindustrie für das industriearme Tirol erweckte nun bei den gewerbefreundlichen Behörden das Bestreben zur Hilfeleistung. Als erste Maßnahme wurde auf Anregung der Handels- und Gewurbekammer Innsbruck und des Tiroler Landesausschusses vom Unterrichtsministerium die Fachschule für Eisen- und Stahlbearbeitung 2 in Fulpmes errichtet, die durch die Vorführung besserer Arbeitsverfahren und durch die Erziehung eines entsprechend ausgebildeten Nachwuchses qualitätsfördernd einwirken sollte.

Man war sich jedoch darüber klar, daß es viel zu lange dauern würde, bis die in der Fachschule ausgebildeten Schüler einen maßgebenden Einfluß auf die Orts­industrie nehmen konnten. Von der Innsbrucker Handels- und Gewerbekammer

1 Auch bei der verwandten Ybbsitzer Kleineisenindustrie (Niederösterreich) und bei der Steyrer Messerindustrie (Oberösterreich) zeigten sich ähnliche Verhältnisse.

2 Für das Zustandekommen der Fachschule hatte sich besonders der Referent G. R. v. Hauffe eingesetzt.

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