Präsenstechniken und ihre Spuren
Tilo Grenz
Präsenstechniken und ihre Spuren: Zur soziologischen Vergegenwärtigung von Zukunft 1
Einleitung
Die folgenden Darstellungen unternehmen einen Zeitensprung. Ausgehend von der Frage, welchen Stellenwert die .Zukunft 1 im Fach der Soziologie einnimmt, wird es notwendig, bei der Geschichte soziologischen Denkens anzusetzen. Notwendig ist diese historische Annäherung deshalb, weil sich die fachtypische Zuwendung zum Zukünftigen bis hin zum Verständnis sogenannter digitaler Spuren erst aus bestimmten Weichenstellungen und Grundsatzdebatten, die z. T. bis heute anhalten, nachvollziehen lässt. Es werden zwei Einsichten herausgestellt: Erstens ist Zukunftsorientierung ein Grundmoment menschlicher Existenz. Zweitens ist Zukunft immer ein orts-, zeit- und perspektivengebundenes soziales Phänomen.
In dieser Herleitung kristallisiert sich ein weitestgehend geteiltes Verständnis heraus, mit dem Zukunft dort soziologisch denkbar wird, wo sie in der einen oder anderen Weise von Menschen, mit bestimmten Relevanzsetzungen, mithin stillschweigenden Erwartungen und bestimmten Ressourcen sozial relevant gemacht wird. Im Fokus auf das Spezifikum digitaler Medientechniken und ihrer ökonomischen Entstehungs- und Fortentwicklungskontexte (dem empirischen Gegenstand dieses Beitrags) lässt sich dann zeigen, dass die Herstellung des Künftigen im digital-technischen .Heute 1 , wie dies z. B. bei bestimmten mobilen Apps zum Ausdruck kommt, weder reine Zukunftsschau oder Zukunftsvision ist, noch einzig und allein über bereits vergangene Erfahrung begriffen werden kann. Die Auseinandersetzung mit der Entstehung und Veränderung digitaler Medien der alltäglichen Lebensverrichtung legt offen, wann und inwiefern in die soziotechnische und sozioökonomische Hervorbringung des .Neuen 1 Erwartungen an die Zukunft eingeflochten sind. Sie zeigt aber auch, dass in die (Daten-) Architektur dieser Techniken ein Moment des Präsentischen eingezogen ist, das
1 Die Überschrift ist an den Titel eines Sammelbandes von Ronald Hitzier und Michaela Radenhauer aus dem Jahr 2005 angelehnt: Ronald Hitzier, Michaela Radenhauer (Hg.): Gegenwärtige Zukünfte. Interpretative Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Diagnose und Prognose. Wiesbaden 2005.
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