Präsenstechniken und ihre Spuren
eine gegenwartsdiagnostische Seitenlage erhielt . 44 Das Unternehmen partizipierte zugleich rekursiv am massenmedialen Diskurs, indem es Presseberichte über das eigene Unternehmen bzw. Produkt in die organisationale Selbstbeschreibung integrierte. Auch wenn die jeweilige Überzeugungstiefe der Personen, nämlich gegen die mediale Entgrenzung der Erreichbarkeit zu opponieren, in Frage gestellt werden kann, so können diese Anbieter als Akteure einer „Politisierung der Nebenfolgen“ neuer Technologien bestimmt werden . 45 Das Angebot - die App mitsamt den verbreiteten Erläuterungen - wurde als Lösung auf das gesellschaftliche Problem der Ablenkung beschrieben, d. h., als gleichsam instrumenteile Gegenstimme zum ansonsten unaufhaltsamen informations- und kommunikationstechnischen Fortschritt.
Diese Hintergrundannahme korrespondiert auch bereits mit dem vergleichsweise einfachen Funktionsumfang der App in ihrer ersten Version: Nutzerinnen konnten über einen Sperrbildschirm die Informationen und Signale (z. B. Anrufe und E-Mails) konkreter Kontakte blockieren. Ein Update des ursprünglichen Funktionsumfangs ergänzte Features, mit denen Nutzerinnen ihr eigenes Mediennutzungsverhalten statistisch detailliert aufgeschlüsselt und mittels visueller Abbildungen rückgemeldet wurde. Nutzerinnen orientierten sich an diesen Rückmeldungen. Sie griffen die Informationen massenweise als Zeitbudgetressource auf, um das eigene Medienhandeln in Augenschein zu nehmen und anzupassen. Ein Teil der Inanspruchnahme der neuen Produktversion korrespondierte mit der Problemkonstruktion und der angebotenen Lösung der Anbieter. Eine Einsicht der Anbieter aus der permanent mitlaufenden Verdatung des Nutzerinnenhandelns bestand darin, dass die Zahl derjenigen in unvorhergesehener Weise zunahm, die wegen ihrer zunehmend reflektierten und modifizierten Mediennutzung auf die App sukzessive verzichteten. Dies aber stellte insofern ein erhebliches Problem dar, als das Sammeln, Aggregieren und Verkaufen von Nutzungsdaten ein Kernelement des Geschäftsmodells darstellte. Dieses wurde nun, mit der massenhaften Nicht-Nutzung, die im Sinne der
44 Dies erinnert an die bei Michael Hutter, Hubert Knoblauch, Werner Rammert und Arno Windeier (2011) beschriebene Logik einer reflexiven Innovation, insofern zeitdiagnostische Debatten im Zuge von Innovationen, die einen Eigenwert erhalten haben, geradezu ,reflexartig’ in aktuelle Entwicklungstätigkeiten eingezogen werden und den Gang und die Richtung von (technischen) Veränderungen beeinflussen; Michael Hutter, Hubert Knoblauch, Werner Rammert u. a.: Innovationsgesellschaft heute: Die reflexive Herstellung des Neuen, in: Technical University Technology Studies Working Papers, 4 (2011), S. 1-29.
45 Ulrich Beck, Wolfgang Bonss, Christoph Lau: The Theory of Reflexive Modernization: Problematic, Hypotheses and Research Programme, in: Theory, Culture & Society 20 (2003), Heft 2, S. 1-33.
25