Aufsatz 
Präsenstechniken und ihre Spuren : Zur soziologischen Vergegenwärtigung von Zukunft / Tilo Grenz
Entstehung
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Tilo Grenz

De-Mediatisierung geht es um die mit unterschiedlichen Motiven verknüpf­te, gezielte Begrenzung der medientechnisch induzierten Entgrenzung . 40 Damit gerät ein breites Spektrum gegenwärtiger Phänomene in den Blick, worunter z. B. gegenwartsdiagnostisch orientierte Sachliteratur, Achtsamkeitsangebote, oder Bewegungen wieslow media fallen. An dieser Stelle soll allerdings wie­der ein konkretes Beispiel aus der Mediatisierungsforschung zu mediatisierten Geschäftsmodellen und dabei aus dem Bereich kommerzieller Digitalmedien herangezogen werden: eine sogenannte Blocking App . 41 Blocking Apps haben in den letzten Jahren erhebliche Verbreitung erfahren . 42 Es handelt sich um einen Typus mobiler Applikationen, der mittlerweile dem Genre der productivity-Apps zugerechnet wird. Ihre Zwecksetzung finden diese An­wendungen als Informations- und Kommunikations-Blocker, die also Websites unerreichbar und Kommunikationskanäle gezielt ,kappen* sollen. Im betrachte­ten Fall wurde die - in den einschlägigen App Stores - angebotene und über eine zusätzliche Website vermarktete App mittels einer bestimmten Kommuni­kationsstrategie aufgeladen. So wurde der Nutzwert der App in der Außendar­stellung gezielt mit einer Problembestimmung verknüpft, die in aktuellen mas­senmedialen Darstellungen omnipräsent war: die fortwährende Ablenkung von alltagsweltlich (eigentlich) notwendigen, wesentlichen bzw. entscheidenden Angelegenheiten, deren - argumentativ als solche in Stellung gebrachte - Ur­sache in der Digitalisierung aller Lebensbereiche verödet wurde. Damit wurde das zeitgeistige Narrativ einerdigital distraction 43 aufgegriffen und Technik als omnipräsenterStörfaktor präsentiert (Interview), womit das Geschäftsmodell

40 Tilo Grenz, Michaela Radenhauer: De-Mediatisierung: Diskontinuitäten, Non-Linearitäten und Ambivalenzen im Mediatisierungsprozess (Einleitung), in: Michaela Radenhauer, Tilo Grenz (Hg.): De-Mediatisierung: Diskontinuitäten, Non-Linearitäten und Ambivalenzen im Mediatisierungspro­zess. Wiesbaden 2017, S. 3-23. Unter dem SchlagwortDe-Mediatisierung werden solche Ge­genstände subsumiert, die als ein Sich-Widersetzen gegen soziale und kulturelle Konsequenzen des informations- und kommunikationstechnischen Fortschritts zu bestimmen sind. Die soziolo­gische Auseinandersetzung mit De-Mediatisierung beansprucht, die nur selten gezielt betrachte­ten .Kehrseiten 1 mehr oder weniger abstrakter Mediatisierungstendenzen (z. B. Vernetzung, Be­schleunigung, De-Lokalisierung, Verdatung etc.) zum Gegenstand zu machen bzw. genauer: zu betrachten, wie, durch wen, und mit welchen Konsequenzen medialer Fortschritt behandelt wird.

41 Auch dies ist ein Fall aus dem bereits in Anmerkung 34 beschriebenen Forschungszusammen­hang.

42 Siehe zum folgenden Fall auch Heiko Kirschner: Zurück zu den wirklich wichtigen Dingen - Blo- cking-Apps als milde Lösungen für problematisierte Mediatisierungstendenzen, in: Radenhauer, Grenz, siehe Anmerkung 40, S. 225-236.

43 Matt Ritchel: Growing up digital, wired for distraction, in: The New York Times, 21.11.2010.

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