Aufsatz 
Präsenstechniken und ihre Spuren : Zur soziologischen Vergegenwärtigung von Zukunft / Tilo Grenz
Entstehung
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Präsenstechniken und ihre Spuren

zeitgeistigen Formaten der nutzergenerierten Inhalte und Vernetzung entschied man sich dagegen, Pläne von Nutzerinnen für alle Nutzerinnen einzubinden und dafür, auf Trainingsinformationen von einschlägigen Expertinnen zu setzen.

In die menschengemachte Gestalt und Gestaltung der Technik ist in diesem Fall ein Zeithorizont eingezogen, denn in der nutzerführenden Oberfläche, mitsamt ihrer Buttons, Eingabe- und Seitenbereiche etc., und in die gleichsam dahinter­liegende Softwaregestalt, die Trainingsplansuche und -gestaltung ermöglichen, ist der Entwurfscharakter des Handelns berücksichtigt - eine Charakteristik, die im Übrigen nicht nur digitalen Techniken zu eigen ist, die aber gleichwohl nicht in jegliche Technik eingezogen ist und auch durchaus unterschiedliche medienphänomenologische Effekte zeitigt . 39 In der Planungskomponente, die bereits in der Wendung Trainingsplan augenscheinlich ist, kommt plastisch zum Ausdruck, inwiefern die Ausrichtung bestimmter (Teil-)Aktivitäten das in der individuellen Zukunft als erreicht imaginierte (Teil-)Ziel voraussetzt. Auch wenn sie in der routinierten Verwendung unsichtbar werden, gehorchen Medien der alltäglichen Lebensverrichtung der Logik einer prinzipiellen Vorentworfen- heit des Handelns (und seiner Teilschritte), das wiederum einer sequenziellen first-things-first-Reihung folgt. Neben dieser medienarchitektonischen Tiefen­dimension des Zukunftsbezugs verweist das Beispielfeld auf einen bestimmten Bezugshorizont, d. h. auf ein Verhältnis, in das Gegenwart und Zukunft hier in sozialen Deutungs- und Gestaltungsprozessen gesetzt werden. Ausgangs­punkt ist eine Zukunftserwartung, mit der das vernetzte Trainieren eigenverant­wortlicher Akteure zentral gestellt wird, und zwar als ein Zustand, der gezielter Herstellungsakte in der Gegenwart bedarf. Abstrakter ausgedrückt: Leitend ist die Annahme einer notwendigerweise dirigierten, linearen Fortentwicklung von der Gegenwart auf ein (Fern-)Ziel hin. Zukunft gerät damit, sozusagen hand­lungsfeldspezifisch, zu einem Plan, der mittels Lenkung und Regulierung hervor­gebracht werden kann bzw. soll. Gegenwart und Zukunft befinden sich in einer Relation, die durch Kontinuität charakterisiert ist.

De-Mediatisierte Kommunikation

Während im vorherbeschriebenen Beispiel der Fitness-Plattform soziale, räumliche und zeitliche Entgrenzungen zum Ausdruck kommen, die im Sinne einer linearen Entwicklungsperspektive sozial relevant gemacht werden, folgt das zweite Beispiel einer anderen Logik: Unter der begrifflichen Klammer

39 Paul Eisewicht, Tilo Grenz: App-Fotografie - Zur Veralltäglichung interpretativer Konservierung, in: Thomas Eberle (Hg.): Photogaphie und Phänomenologie. Bielefeld 2017, S. 117-132.

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