Christian Stadelmann
CIA-Mitarbeiter Edward Snowden (* 1983) aufgedeckt, dass die US-amerikanische National Security Agency unabhängig von Verdachtsmomenten das Internet und die Telekommunikation weltweit überwacht. Die Erkenntnis, dass grundsätzlich jeder Mensch ohne eigenes Wissen „gläsern“ geworden ist, hat damals große Verunsicherung ausgelöst, und es ist daraus die Angst vor einer noch viel tiefergreifenden Kränkung erwachsen. Letztlich, nimmt man an, wird zu jenem Zeitpunkt, an dem der Mensch seinen eigenen Geist entschlüsselt, die menschheitsgeschichtlich größte Kränkung erfolgen. 3 Wahrscheinlich, so wird allenthalben gemutmaßt, ist das auch jener Moment, in dem eine Maschine gebaut wird, die intelligenter ist als der Mensch und sich infolgedessen selbst verbessern und weiterentwickeln wird - und zwar exponentiell. Ausgedrückt in der Sprache der Science Fiction werden dann die Maschinen die Herrschaft über die Welt übernehmen. Tatsächlich sind wir schon heute in bestimmten Bereichen mit maschinellen Fähigkeiten und Leistungen konfrontiert, die jene des Menschen in den Schatten stellen - Fähigkeiten und Leistungen, die noch vor wenigen Jahrzehnten Teil der Vorstellung gewesen sind, dass wir die „Krone der Schöpfung“ seien. Gefährdet scheint insofern nichts weniger als der göttliche Auftrag, sich die Erde untertan zu machen.
Symbolisch schwer wiegt da der Schachwettkampf, den im Mai 1997 der damals regierende Weltmeister Garri Kasparow (* 1963) gegen den IBM-Compu- ter „Deep Blue“ ausgetragen hat. Nachdem Kasparow bereits ein Jahr zuvor ein einzelnes Spiel - aber nicht das Turnier, in dem sechs Partien gespielt wurden - gegen den Computer verloren hatte, ging nunmehr das gesamte Turnier an „Deep Blue“. Er gewann 3,5 zu 2,5. Jenes Brettspiel, das sinnbildlich für die Brillanz menschlichen Denkvermögens stand, wurde fortan von einer Maschine beherrscht. Zwar wurde umgehend auch betont, dass Erfolge im Schachspiel technisch gesehen nur eine Frage der Rechenleistung seien und menschliches Denken weit differenziertere Möglichkeiten der Intelligenz bereithalte. Aber eine gewisse Verunsicherung blieb zurück. Umgekehrt hatte man auf diesen Moment aber auch hin gefiebert. Es handelte sich ja nicht einfach nur um die Leistung einer Maschine, sondern vielleicht mehr noch um eine des menschlichen Geistes, der imstande ist, eine Maschine herzustellen, die im Schach über den weitbesten Schachspieler triumphiert. Allerdings geht diese Leistung mit der Entdeckung einher, dass eine geistige Überlegenheit des Menschen offenbar kein kulturgeschichtliches Axiom ist. Das hat irritiert, umgehend aber auch die
3 Reinhard Haller: Die Macht der Kränkung. Wals bei Salzburg 2015, S. 93.
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