Christian Stadelmann
bewährt habe, denn, „wenn sie am Ende nicht eintreffen, ist der Verkünder in Rente und nicht mehr zu belangen.“ 12
Das ist eine gerechtfertigte Warnung vor allzu leichtfertiger Rezeption von leichthin ausgesprochenen und wenig begründbaren Prognosen, zumal, wenn sie in eine Zukunft hinein ausgesprochen werden, die relativ weit entfernt ist und von der auch die versiertesten Expertinnen und Experten - auf welchen Gebieten auch immer - nicht sagen können, welche gesellschaftlichen Implikationen sie für uns bereithält. Konkret zur Vorstellung der „Technologischen Singularität“ hat Rodney Brooks auch spöttische Worte für die seiner Meinung nach sehr persönlichen Motive seines Kollegen Ray Kurzweil gefunden, der bereits für das Jahr 2020 Rechnerleistungen voraussagte, die uns allmächtig machen würden:
„Natürlich wird Kurzweil um das Jahr 2020 selbst 70 Jahre alt sein. Und er ist entschlossen, wenigstens so lange zu leben - er hat in Vorbereitung darauf auch schon ein Buch über fettarme Diäten und die Vermeidung von Herzkrankheiten geschrieben. Wenn er es bis 2020 schafft, kann er es überallhin schaffen.“ 13
Seine Vorfreude auf Unsterblichkeit verdankt Kurzweil wahrscheinlich dem Physiker Frank J. Tipler (* 1947), der 1994 eine prognostische Variante davon äußerst gewagt und populär-esoterisch vorgebracht hat. 14 Das Forschungsfeld der „künstlichen Intelligenz“ wird immer Gefahr laufen, dass seine Seriosität von der Science Fiction, von der sehr persönlichen Phantasie ihrer Vertreter und von den damit verbundenen Möglichkeiten, das Publikum zu erstaunen, Journalisten zu beeindrucken und potenzielle Geldgeber zu umgarnen, unterlaufen wird. Indem es an rationaler Naturwissenschaft ansetzt, dann aber in irrationale Schöpfungsallmacht übergeleitet wird, die auch noch mit obskuren Jenseitsvorstellungen gepaart sein kann, kann es unversehns einen quasi-religiösen Charakter bekommen. Da ist es dann aber angeraten, den Prognosen, wie auch der Persönlichkeit der Prognostiker mit nüchterner Zurückhaltung und überlegter Vorsicht zu begegnen.
1 2 Manfred Dworschak: Vogel Strauß auf Rädern, in: Der Spiegel, 48 (201 6), S. 110-113, hier S. 112.
13 Brooks, siehe Anmerkung 6, S. 226. Eine zwar satirische, gleichwohl aber sehr anschauliche Analyse der sehr persönlichen Unsterblichkeitsphantasien der global äußerst erfolgreichen und verehrten Internet-Unternehmer wird vom österreichischen Kabarettisten Thomas Maurer in dem 2017 uraufgeführten Programm „Zukunft“ angestellt.
14 Frank J. Tipler: Die Physik der Unsterblichkeit. Moderne Kosmologie, Gott und die Auferstehung der Toten. München 1994. Erwähnt wird Tipler von Kurzweil in dessen Publikationen allerdings nicht.
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