Aufsatz 
Künstliche Intelligenz - ein Missverständnis / Christian Stadelmann
Entstehung
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Künstliche Intelligenz

Gesetzes - 1965 formuliert und bis heute mehr oder minder gültig wonach die Rechenleistung von Computern wenigstens alle zwei Jahre verdoppelt wird. Kurzweil verknüpft diese Prognose mit der Idee von einer quantitativ fassba­ren Intelligenz. Er erklärt, dass zu Anfang der 2030er-Jahre die globale Re­chenleistung von Maschinen in etwa jener der geschätzten Rechenleistung der Menschen entsprechen werde, dass Computer aber 2045 eine Milliarde Mal leistungsstärker sein werden als menschliche Intelligenz. 8 Das Ansehen Kurzweils ist insbesondere auch dadurch gestiegen, dass er 2012 vom Google-Mitbegründer Larry Page (* 1973) für dessen Konzern alsDirector of Engineering angeworben worden ist. In der schillernden Kultur des Silicon Valley, wo Machbarkeitsphantasien großes Renommee genießen, sind diese abenteuerlich hergeleiteten Prognosen noch wirkmächtiger geworden. Sie ha­ben eine geradezu messianische Kraft entfaltet; eine große Anhängerschaft hat sich um ihren Autor versammelt. Weltweit ist der Begriff derSingularität auch in Alltagsmedien zu einem gerne benutzten Schlagwort geworden. 9 Eigentlich handelt es sich dabei um eine Verknappung des BegriffsTechnologische Sin­gularität, der bereits 1993 geprägt worden war. Sein Schöpfer, Vernor Vinge (* 1944), Informatiker, aber bezeichnenderweise auch Science Fiction-Autor, sagte damals vorher, dass innerhalb von 30 Jahren übermenschliche Intelligenz geschaffen und kurz darauf das Zeitalter des Menschen beendet sein werde. 10 Die Idee ist von verschiedener Seite aufgegriffen und auch in Europa popula­risiert worden. 11 Heute, 25 Jahre nach Vinges Prophezeiung, kann man, auch ohne eine waghalsige Prognose zu treffen, konstatieren, dass die Zeit zur Er­füllung dieser Verheißung allmählich knapp wird. Manfred Dworschak (* 1959), Wissenschaftsredakteur der WochenzeitschriftDer Spiegel merkt sarkas­tisch an, dass sich bei Prognosen ein Zeitrahmen von drei bis vier Jahrzehnten

8 Ray Kurzweil: The Singularity is Near. When Humans Transcend Biology. New York 2005, S. 135f. Vgl. auch: Ders.: Die Intelligenz der Evolution. Wenn Mensch und Computer verschmelzen. Köln 2016 (zuerst erschienen 1999 unter dem TitelHomo Sapiens. Leben im 21. Jahrhundert - was bleibt vom Menschen?) und Ders.: How to Create a Mind. The Secret of Human Thought Revea­led. New York 2013.

9 In österreichischen Medien vgl. u. a.: Gregor Kucera: Die Entstehung einer neuen Spezies, in: Wiener Journal. Das Magazin der Wiener Zeitung, 25.8.2017, S. 10-13. Oder Markus Kessler: Die Angst vor der klugen Maschine, in: Kurier, 7.1.2017, S. 20. Für diverse Hinweise auf einschlä­gige Zeitungsartikel und Webseiten bedanke ich mich bei meinen Kolleginnen und Kollegen im Technischen Museum Wien, diesfalls insbesondere bei Peter Pöll.

10 Vgl. https://edoras.sdsu.edu/~vinge/misc/singularity.html (8.2.2018)

11 Unter anderem von Florian Rötzer: Als Cyborg ewig leben, in: Der digitale Mensch, Spiegel spe­cial (3) 1997, S. 72-78.

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