Aufsatz 
Künstliche Intelligenz - ein Missverständnis / Christian Stadelmann
Entstehung
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Christian Stadelmann

Flesh and Machines aus 2002. 5 Der Autor setzt sich darin ausführlich mit der Frage auseinander, ob Maschinen menschengleich werden können oder nicht. Er fragt nach den Bestandteilen, aus denen Menschen und Maschinen zusam­mengesetzt sind, und danach, wie diese Bestandteile miteinander interagieren. Brooks stellt fest, dass es keinenbesonderen Stoff gibt, der den Menschen auszeichnet und gegenüber der Maschine unvergleichlich macht, und setzt sich - zum Teil recht polemisch - mit den Argumenten auseinander, die Gegner und Befürworter der Vorstellung von einer digitalen Kränkung Vorbringen. Er selbst nimmt eine scheinbar sehr rationale Position ein, indem er erklärt, dass der menschliche Körper aus Komponenten zusammengesetzt sei,

die nach klar definierten (wenn auch nicht vollständig bekannten) Re­geln interagieren, die sich letztlich aus der Physik und Chemie ableiten. Er funktioniert wie eine Maschine mit vielleicht Milliarden von Teilen, die in ihrer Operations- und Interaktionsweise alle wohl geordnet sind. Wir selbst sind also, so wie unsere Ehemänner und Ehefrauen, unsere Kinder und Haustiere, Maschinen. 6

Dennoch kann er auch nur Vermutungen darüber anstellen, welche technischen Schritte zu setzen wären, damit Maschinen Ergebnisse erzielen, die mit der bio­logischen Evolution vergleichbar wären. Er bekennt, dass er letztlich nur auf­grund seiner Glaubensüberzeugungen den Menschen für eine Maschine halte. Daraus folgert er wiederum, dass es keinen Grund für die Annahme gebe, dass wir nicht eine Maschine aus Silizium und Stahl bauen könnten,die sowohl ech­te Gefühle als auch Bewusstsein hätte. 7

Ähnlich im Kern, aber noch weniger rational argumentiert Raymond Kurzweil (* 1948) in den Büchern, die er seit den Jahren um 2000 veröffentlicht. 2005 erschien unter dem prophetischen TitelThe Singularity is Near. When Humans Transcend Biology" eine ausführlich dargelegte Prognose, wonach 2045 das Jahr sei, in dem sich das andauernde exponentielle Wachstum der kognitiven Leistungenkünstlicher Intelligenz explosionsartig ausweiten würde. Diese Be­hauptung ist nichts anderes als eine Auslegung des sogenannten mooreschen

5 Rodney Brooks: Flesh and Machines. How Robots will Change Us. Cambridge 2002. Auf Deutsch erschienen: Rodney Brooks: Menschmaschinen. Wie uns die Zukunftstechnologien neu erschaffen. Frankfurt am Main 2002.

6 Rodney Brooks: Menschmaschinen. Wie uns die Zukunftstechnologien neu erschaffen. Taschen­buchausgabe, Frankfurt am Main 2005, S. 191.

7 Ebd., S. 199. Im Original:My own beliefs say that we are machines, and from that I conclude that ther.e is no reason, in principle, that it is not possible to build a machine from silicon and steel that has both genuine emotions and consciousness. (Brooks, siehe Anmerkung 5, S. 180)

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