Christian Stadelmann
Stellung des Begriffs „artificial intelligence“ geschuldet. Dass eine Tagung mit einem derart ambitionierten Ziel damals ausgerichtet werden konnte, hat auch mit der politischen Akzeptanz zu tun, die die Informatik und Automatisierungskonzepte zu dieser Zeit in den USA genossen. Groß waren die Hoffnungen darauf, dass sie starke Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben insgesamt und das politische Machtgefüge im Speziellen haben würden, wenngleich diese Erwartungshaltung damals auch schon von der Sorge begleitet war, dass massenhaft Arbeitsplätze verloren gehen könnten. Wahrscheinlich aber überwog einfach der Gedanke, dass es notwendig sei, die Maßstäbe in der Forschung zu setzen und nicht womöglich vorgesetzt beziehungsweise gegenübergestellt zu bekommen. Die Begeisterung für die Kybernetik, aus der die wissenschaftliche Arbeit an der „künstlichen Intelligenz“ bei aller zeitweiligen Konkurrenz der Fachvertreter zueinander letztlich hervorgegangen ist, war zu dieser Zeit an einem vorläufigen Höhepunkt angelangt. Die Forschung war mit ihrer allgemeinwissenschaftlichen, politischen und populären Rezeption in ein Amalgam eingebunden, von dem rückblickend nicht gesagt werden kann, wer da wen wie sehr und auf welche Weise beeinflusst hat. Die Diskussion um Kybernetik, „Elektronengehirne“, Roboter und Automatisierung, die damals geführt wurde, war jedenfalls gesellschaftlich sehr breit - und aus heutiger Sicht auch ein wenig wirr.
Beispielsweise stellte die U.S. Navy 1958 „Perceptron“ vor, ein künstliches neuronales Netz. Es handelte sich um ein raumfüllendes Rechengerät, das mit Elektronenröhren arbeitete und mit Lochkarten bedient wurde. Dass es von selbst herausfand, ob diese Karten links oder rechts gestanzt waren, regte die Phantasie der „New York Times“ an. „Perceptron“ würde bald herumlaufen, reden und denken und sich schließlich auch fortpflanzen wollen. 19 Alltagsnäher waren die Verheißungen, die eine US-amerikanische Unternehmensorganisation 1954 in einer Flugschrift verbreitete, in der sie die Automatisierung pries. An „der Schwelle einer goldenen Zukunft“ würden wir stehen - einer Zukunft, in der „die Talente und das Können der Arbeiter [...] in dem kommenden irdischen Paradies ihre Belohnung finden“ würden. Der „Zauberteppich unserer freien Wirtschaft“ würde sich, geleitet „durch elektronische Geräte, beflügelt durch Atomenergie“ und bedient vom „reibungslosen, mühefreien Funktionieren der Automation [...] nach fernen und nie geträumten Horizonten“ bewegen.
1 9 Dworschak, siehe Anmerkung 1 2, S. 11 2.
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