Aufsatz 
Künstliche Intelligenz - ein Missverständnis / Christian Stadelmann
Entstehung
Seite
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Künstliche Intelligenz

Und deshalb werde es das größte Erlebnis auf Erden sein, sich auf diesem Zau­berteppich auf die Reise zu begeben. 20

Ob die Autoren dieser Zeilen glaubten, was sie da schrieben, sei dahingestellt; sie waren aber offenkundig der Ansicht, dass die Adressaten daran glauben könnten. Von Seiten der Gewerkschaften wurde den Automatisierungsbestre­bungen jedenfalls großes Misstrauen entgegengebracht. Sowohl in den USA, als auch in Großbritannien kam es in jenen Jahren zu Streiks in der elektrotech­nischen beziehungsweise in der Automobilindustrie. 21 Indirekte Unterstützung hatten die um ihre Arbeitsplätze Besorgten bereits 1947 von Norbert Wiener (1894-1964) erhalten, dem Begründer der Kybernetik. In einem einfluss­reich gewordenen Buch, das 1958 auf Deutsch unter dem TitelMensch und Menschmaschine erschienen ist, hat er ein Kapitel den praktischen Auswirkun­gen der Automatisierung gewidmet und eineArbeitslosigkeitenlage vorherge­sagt, mit der verglichendie Depression der dreißiger Jahre als harmloser Spaß erscheinen werde. 22

Trotz weitgehender Automatisierung vieler Industriezweige hat sich die Vorher­sage massenhafter Arbeitslosigkeit nur in wirtschaftlich besonders monokultu­rellen Landstrichen bewahrheitet. Aber auch vorhergesagte Auswirkungen, die über die Frage der Arbeitsplätze hinausgingen, sind ausgeblieben. Der Automa­tisierungsprozess der vergangenen 60 Jahre hat keinen grundlegenden Wandel des sozialen Lebens bewirkt.

Popularisierung und Widersprüche

Verschiedentlich ist damals auch für den privaten Bereich eine Robotisierung erwartet worden, die weit über den Waschvollautomaten hinausgehen sollte. Die kybernetischen Modelle, die in jenen Jahren auf den Universitäten gebaut und diskutiert wurden, regten phantasiebegabte Erfinder dazu an, sich nicht lan­ge mit Laborversuchen aufzuhalten, sondern ohne lästigen Umweg den dienst­baren Roboter für den Haushalt zu bauen. So stellte der Wiener Claus-Christian Scholz-Nauendorff (1915-1992) von 1958 bis 1964 eine Serie vonMaschi-

20 Zit. n. L. Nitschmann: Mensch-Maschinen und Maschinen-Menschen, in: Die Zeit, Jahrgang 13, Nr. 31,31.7.1958.

21 Ebd.

22 Norbert Wiener: Mensch und Menschmaschine. Frankfurt am Main 1958, S. 136-159, hier 158. Zur Automatisierungsdebatte vgl. Martina Hessler: Die Ersetzung des Menschen? Die Debat­te um das Mensch-Maschinen-Verhältnis im Automatisierungsdiskurs, in: Technikgeschichte 82 (2015), Heft 2, S. 109-136.

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