Hubert Weitensfelder
ihren Zielen zählte das Verständnis der Funktionen des menschlichen Gehirns und seine Simulation durch Computer. Auf diesen Macy-Konferenzen waren vorwiegend Mathematiker, Physiker und Elektrotechniker, Neurophysiologen, Psychologen und Psychiater vertreten. Zu den renommiertesten Teilnehmerinnen zählten neben Norbert Wiener der Mathematiker John von Neumann - einer der Urheber des modernen Computers -, die Anthropologinnen Gregory Bateson und Margaret Mead, der Soziologe Paul Lazarsfeld sowie der aus Wien gebürtige Biophysiker Heinz von Foerster (1911-2002). Dieser forschte ab 1949 an der Universität von Illinois in Urbana; von 1958 bis 1975 war er dort Direktor des „Biological Computer Laboratory“. Forschungsgegenstände waren Systemtheorie und die Analyse biologischer Prozesse sowie ihre Formalisierung und Implementierung auf Rechnern. 26
1969 fand im Wiener „Museum des 20. Jahrhunderts“ ein Einführungsseminar in die Kybernetik statt; dieses wurde von Heinz Zemanek eingeleitet. Die Eröffnungsrede hielt der damalige Bundeskanzler Josef Klaus, der ein großes Interesse an Kybernetik hegte. Ein wichtiger Akteur war auch der 1939 in Wien geborene Robert Trappl. Er absolvierte 1961 einen Programmierkurs in Wien und ging zwei Jahre später an das Wiener „Institut für Höhere Studien“. 1966 wurde Trappl Assistent am Institut für allgemeine und vergleichende Physiologie; 1969 hielt er erstmals eine Einführung in die Biokybernetik. 1971 habilitierte sich Trappl für Biokybernetik und Bioinformatik. Damit wurde er gewissermaßen zum ersten habilitierten Kybernetiker in Österreich.
1970 gründete Trappl nach dem Vorbild der „Österreichischen Studiengesellschaft für Atomenergie“ in Seibersdorf eine „Österreichische Studiengesellschaft für Kybernetik“. Sie organisierte Tagungen, darunter eine alle zwei Jahre stattfindende „Europäische Konferenz für Kybernetik und Systemforschung“, und publizierte Berichte. Ferner gab sie eine Zeitschrift heraus, die in den USA verlegt wurde, das „Journal of Cybernetics“, seit 1978 „Cybernetics and Systems: An International Journal“. 1979 legte die Gesellschaft gemeinsam mit der US-amerikanischen „Society for General Systems Research“ und der „Netherlands Systems Group“ die Grundlage für eine „International Federation for Systems Research“ (IFSR). Diese nahm ihren Sitz 1980 in Laxenburg südlich von Wien. 1976 übernahm Trappl die Leitung eines neuen Instituts für Medizinische Kybernetik. 1984 entstand
26 Albert Müller: Eine kurze Geschichte des BCL. Heinz von Foerster und das Biological Computer Laboratory, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 11 (2000), Heft 1, S. 9-30.
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