Aufsatz 
Hundert Jahre Zukunft? Neue Technologien in Österreich seit 1918 - Aspekte und Diskurse / Hubert Weitensfelder
Entstehung
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Hundert Jahre Zukunft?

Einen bemerkenswerten Beitrag in der Zeitschrift publizierte Johann Millendor- fer (1921-2001). Thema war die Einstellung der Landesbewohner zur Technik und ihrer Zukunft. Millendorfer war Physiker sowie Sozial- und Wirtschafts­wissenschaften Er hatte 1969 in derÖsterreichischen Forschungsstiftung für Entwicklungshilfe in Wien eineStudiengruppe für internationale Analysen gegründet. Gegenüber den zeitgenössischen Ansätzen zur Vorhersage von Szenarien der Zukunft zeigte sich Millendorfer skeptisch. Er schrieb:

Die Frage nach der Zukunft hat die Menschheit schon immer beschäf­tigt. Wir wissen von den Auguren, von den Orakelsprüchen des Alter­tums, welche Geschichte machten, und von den Astrologen Wallen­steins. Heute kommt die Zukunftsforschung mehr und mehr in Mode, und die neuen Auguren erheben im Gegensatz zu ihren mit Gedärmebe­schau, Handlinienlesen, Sterndeuten usw. arbeitenden Kollegen der Ver­gangenheit den Anspruch, wissenschaftlich zu sein. Angesichts zahlloser Fehlprognosen - die von wirtschaftlichen Fehlprognosen (z.B. die des seinerzeit berühmten Harvard-Barometers bei der Weltwirtschaftskrise) über technische Fehlprognosen (z.B. die des Beraters Churchills über die Unmöglichkeit von Raketen mit flüssigem Treibstoff) bis zu Bevölke­rungsfehlprognosen (z.B. die der UNO für Südamerika 1960) reichen - und angesichts der widersprüchlichen Prognosen für die Zukunft - die z.B. einerseits für das Jahr 2000 Unsterblichkeit verheißen (C.H. Stine) und andererseits ab 2000 den Untergang der Menschheit Voraussagen (J. [Jay Wright] Forrester) - erhebt sich die Frage: Was unterscheidet die neuen Auguren von den alten und wieweit ist ihr Anspruch der Wissen­schaftlichkeit berechtigt? 60

Millendorfer legte eigenes Material und jenes anderer Institute vor, das auf Be­fragungen in Österreich basierte. Dabei ging es unter anderem um zukünftige Entwicklungen betreffend Moral, Ehrenhaftigkeit, Glück, inneren Frieden und anderes. Millendorfer kam zum Schluss:Österreich gehört zu jenen Ländern, in denen positiven Zukunftsaussichten geringe Wahrscheinlichkeit beigemessen

60 Johann Millendorfer: Österreich 1980 - Methoden und Ergebnisse längerfristiger Prognosen, in: ZÖIAV 119 (1974), Heft 1, S. 1 -9, hier S. 1. Millendorfer veröffentlichte gemeinsam mit dem Juristen und Ökonomen Christof Gaspari auch zwei Bücher, in denen die Ergebnisse langjähri­ger Studien über die zukünftige Entwicklung Österreichs detailliert vorgestellt wurden: Christof Gaspari, Hans Millendorfer: Prognosen für Österreich. Fakten und Formeln der Entwicklung. 2. Auflage Wien 1973; Christof Gaspari, Hans Millendorfer: Konturen einer Wende. Strategien für die Zukunft. Graz, Wien, Köln 1978.

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