Aufsatz 
Hundert Jahre Zukunft? Neue Technologien in Österreich seit 1918 - Aspekte und Diskurse / Hubert Weitensfelder
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Hubert Weitensfelder

wird. Es ist gleichzeitig jenes Land, in dem die Bevölkerung am wenigsten eine Veränderung des Zustandes erwartet. 61

In einemPsychogramm konstatierte Millendorfer mangelnde Offenheit der Landesbewohner gegenüber der Welt und der sozialen Umwelt. An Gegen­maßnahmen forderte er unter anderem die Pflege und Intensivierung mensch­licher ebenso wie internationaler Beziehungen. Nicht zuletzt ging es ihm dabei um dieFörderung zukunftsbezogenen Denkens. Er meinte:

Zu diesem Punkt zählt vor allem eine bewußte Ausweitung des zeit­lichen Planungshorizontes. Der kurzfristige Stil im Denken und Handeln - Dringendes vor Wichtigem - muß durch ein Forcieren von zukunfts­bezogenen langfristigen Vorhaben (z.B. Forschung, Entwicklungshilfe, Raumplanung, Prospektivstudien usw.) überwunden werden. Wer sich aber mit der Zukunft befaßt, dabei den Mut zur Wahrheit aufbringt und an der Wertschätzung des Nächsten und des Gemeinwesens festhält, der entwickelt auf ganz natürliche Weise einen heilsamen Optimismus. 62

Gerade über diese Befassung mit der Zukunft brachen aber mitunter Gegensätze zwischen den planenden Technikern und Teilen der Bevölkerung auf. In einem lokalen Konflikt 1970 in Kitzbühel beispielsweise mussten die Bergbau-Fach­leute gegenüber einer kritischen Öffentlichkeit einen deutlichen Rückschlag hinnehmen. Im Norden dieser Tiroler Gemeinde war von der Mitte des 16. bis zum 18. Jahrhundert eine Silber-Kupfer-Erzlagerstätte abgebaut worden. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, den Bergbau wieder aufzunehmen, schloss die österreichischeKupferbergbau Mitterberg Ges.m.b.H. Anfang 1969 einen Kooperationsvertrag mit derUnion Corporation Limited mit Sitz in Johannes­burg und London. Diese erhielt wenige Monate später eine Schürfberechti­gung. Dagegen formierte sich aber 1970 massiver Widerstand in Teilen der Bevölkerung. Viele Einheimische befürchteten Auswirkungen auf den Tourismus und lehnten außerdem die mögliche Zuwanderung ausländischer Bergleute ab. Die Protestierenden erhielten von allen im Tiroler Landtag vertretenen Parteien Unterstützung. Am 19. September 1970 fanden sich in Oberndorf bei Kitzbühel in Anwesenheit des Ministers für Handel, Gewerbe und Industrie rund 5000

61 Millendorfer, siehe Anmerkung 60, S. 7.

62 Ebd.,S. 9.

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