Hubert Weitensfelder
Darüber hinaus ersuchte Saliger, technikkritische Aussagen aus gedruckten Medien sowie aus Fernsehen und Radio zu sammeln und diese mit Quellenangabe, im Idealfall bereits mit einer schlagwortartigen Entgegnung versehen, einzuschicken. Solcherart sollten die Öffentlichkeit sowie Kollegen aus anderen Fachrichtungen die Möglichkeit erhalten, die Vor- und Nachteile technischer Projekte besser einzuschätzen. 65
Es sollte aber, zumindest aus der Sicht vieler Techniker, noch schlimmer kommen. Anfang der 1980er-Jahre plante die „Österreichische Donaukraftwerke AG“ an der Donau nahe Hainburg in Niederösterreich den Bau eines Wasserkraftwerks. Der Bau einer dafür notwendigen Staumauer sollte sieben Quadratkilometer Aulandschaft am nördlichen Donauufer überfluten. Daraufhin initiierte der „World Wildlife Fund“ (WWF) eine Kampagne zur Rettung dieser Auen und fand dafür breite Unterstützung. Am 5. Dezember 1984 erfolgte ein Rodungsbescheid für die Auen, daraufhin marschierten drei Tage später rund 5000 Menschen in die Aulandschaft. Nach einer weiteren Großkundgebung wurde schließlich von einer Realisierung des Projekts abgesehen. 1985 fand zu diesem Thema ein Volksbegehren statt. In diese Zeit fielen auch die Anfänge der dauerhaften politischen Etablierung grüner Bewegungen: Nach den Parlamentswahlen 1986 gelangte Freda Meissner-Blau mit ihrer Liste erstmals in den österreichischen Nationalrat. 66
Im gleichen Jahr gewährte die Zeitschrift des Ingenieur- und Architektenvereins erstmals einem Kritiker eine Stellungnahme in ihrem Blatt. Diesmal ging es wieder um einen lokalen bzw. regionalen Konflikt. In der Gemeinde Raaba bei Graz hatte der japanische Iki-Konzern um 1985 gemeinsam mit der staatlichen VOEST-Alpine den Bau eines Werks zur Erzeugung von Mikrochips geplant. Angeblich sollten damit rund 1000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Der Gemeinderat lehnte es aber ab, zu diesem Zweck ein Waldgebiet in der Größe von 200.000 Quadratmetern in ein Industrieareal umzuwidmen. Die Projektbetreiber reagierten harsch auf diesen Widerstand, man sprach vom rückschrittlichen „Geist von Raaba“. Ein Kritiker dieses Projekts, der Journalist Luis Fritschl, stellte dagegen die Frage, warum die VOEST-Alpine nicht einen Standort in ihrem obersteirischen Revier gesucht habe. Er bezweifelte, dass die Herstellung von Chips eine „intelligente Produktion“ sei, und meinte:
65 Ebd.
66 Vgl. etwa Anton Pelinka: Hainburg - mehr als nur ein Kraftwerk. Bewertung der Ereignisse um den Kraftwerksbau in Hainburg, in: Österreichisches Jahrbuch für Politik 1985, S. 93-107.
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