Die Technische Stadt
Peter Payer
„Die Technische Stadt“
Wie eine Großausstellung in Dresden urbane Zukunftsvisionen prägte
Entwicklungskonzepte moderner Städte werden heute gerne mit dem Schlagwort „Smart City“ versehen als Synonym für die digitale Stadt der Zukunft, die vielfach vernetzt, intelligent gesteuert und so weit wie möglich berechen- und kontrollierbar ist. Wenngleich es mittlerweile vielfach Kritik an diesem Begriff gibt, etablierte er sich doch als räumliches Leitbild für die gegenwärtigen, stark technologiebasierten Veränderungen und Innovationen im urbanen Raum. 1 Blicken wir rund 90 Jahre zurück, stoßen wir auf ein ähnliches Label, das die Stadtvision der damaligen Zeit auf den Punkt brachte. Schon 1924 postulierte der Schriftsteller Alfred Döblin (1878-1957): „Es gibt heute nicht mehr Frankfurt oder München oder Berlin oder sogar Paris, London oder Rom. Es gibt heute nur die technische Stadt, die Großstadt. Sie hat eine örtlich verschieden gefärbte und temperierte Bevölkerung. Wie die Technik die Fassungen von Glühbirnen normalisiert, werden die Großstädte normalisiert.“ 2 „Die technische Stadt“ war in den Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg zu jenem Zukunftsbegriff geworden, der zeitgenössische urbanistische Hoffnungen, aber auch - wie oben ersichtlich - Ängste und Befürchtungen sinnreich zu bündeln schien.
Dabei stehen, wie der Stadtplaner Martin Mutschler vor kurzem erneut betonte, urbane und technische Entwicklungen seit jeher in engster Wechselbeziehung. War es doch die Schaffung technischer Infrastrukturen, allen voran zur Was- server- und Abwasserentsorgung, die die Entstehung städtischer Kulturen erst ermöglichte. Der sich etablierende Begriff der „Stadttechnik“ spielte und spielt für das Funktionieren urbaner Agglomerationen in den Köpfen aller, die planend und vorausschauend damit zu tun haben, bis heute eine zentrale Rolle. 3
1 Vgl. dazu Peter Payer: Stadt und Innovation, in: Ders., Marie Gruber (Hg.): Die Zukunft der Stadt. weiter_gedacht_. Ausstellungskatalog. Technisches Museum Wien, 9. Juni 2016 - 3. Juni 2018. Wien 2017, S. 9-13.
2 Alfred Döblin: Der Geist des naturalistischen Zeitalters (Erstausgabe 1924), in: Ders.: Schriften zu Ästhetik, Poetik und Literatur. Frankfurt am Main 2013, S. 168-190, hier S. 179.
3 Vgl. Martin Mutschler: Technikgeschichte und Stadtentwicklung. Tübingen, Berlin 2014,
S. 83-94.
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