Peter Payer
Es war der Eindruck des enormen Städtewachstums ab den 1870er-Jahren, der in Europa erstmals Forderungen nach einer Gesamtplanung der bis dato relativ ungehindert expandierenden Metropolen evozierte. Reinhard Baumeister (1833-1917), Ingenieur in Karlsruhe, veröffentlichte 1876 seine wegweisende Publikation „Stadt-Erweiterungen in technischer, baupolizeilicher und wirtschaftlicher Beziehung“ - die Gründungsschrift des modernen Städtebaus. Darin wies er erstmals auf die Notwendigkeit einer umfassenden Planung hin, wollte man die urbane Zirkulation von Personen und Gütern effizienter organisieren und die grenzenlose Ausbreitung der Stadt verhindern. Neben den Technikern schlossen sich bald auch die Hygieniker den Forderungen nach einem rational gestalteten und funktionell definierten Stadtraum an.
Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Stadtplanung, so die Architekturhistorikerin Eve Blau, von zwei Grundgedanken bestimmt. Erstens die Vorstellung, es handle sich bei der Planung nicht um ein architektonisches, sondern um ein technisches Problem. Dementsprechend konzentrierten sich sämtliche Erweiterungspläne auf die technische Infrastruktur, insbesondere Verkehrswege und sanitäre bzw. hygienische Einrichtungen. Von grundlegender Bedeutung für dieses Konzept der „Ingenieursplanung“ war die Erfindung der Zoneneinteilung, mit deren Hilfe die Funktionen der Stadt rational analysiert werden sollten. Der zweite zentrale Gedanke war die Vorstellung von Stadt als biologischen Organismus mit Systemen, die Zusammenarbeiten müssen, um diesen gesund zu erhalten. Dazu diente ein sogenannter Regulierungsplan, der die Stadt erstmals in ihrer Gesamtheit darstellte, wesentliche infrastrukturelle Netze definierte (Straßenbahn, Stadtbahn, Trinkwasser, Abwasser, Gas, Elektrizität), einzelne Raumelemente analysierte (Straße, Häuserblock, öffentlicher Raum, Grünanlage) und schließlich alle Teile in rationeller Manier auf einen (theoretisch) unendlich erweiterbaren Stadtraster neu anordnete. 4
Lebenswichtiges Rückgrat all dessen war die sich zu einem komplexen Netzwerk formende technische Infrastruktur, bestehend aus Ver- und Entsorgungs-, Verkehrs- und Kommunikationsnetzen, die präzise aufeinander abzustimmen waren um ein möglichst reibungsloses Funktionieren der „Stadtmaschine“ zu gewährleisten. Umfassende technikbasierte Vernetzung der Stadt avancierte zu einem Kennzeichen der klassischen Moderne, mit weitreichenden sozialen und
4 Eve Blau, Monika Platzer (Hg.): Mythos Großstadt. Architektur und Stadtbaukunst in Zentraleuropa 1890-1937. München, London, New York 1999, S. 1 6-1 7.
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